1. Mai-Kundgebung auf dem Untermarkt

1. Mai-Kundgebung auf dem Untermarkt

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Hattingen: Protest der Gewerkschaften erfolgreich

 1985: „Tag der Arbeit“ nur bei „dringendem Bedürfnis“

Vor 30 Jahren – vor dem 1. Mai 1985 – lauteten die Schlagzeilen der lokalen Presse: „Skandal in Hattingen – Oberkreisdirektor verbietet Kundgebung!“ „DGB staunte: Kundgebung am 1. Mai verstößt gegen Gesetz.“ Was war passiert? Während die Kreispolizeibehörde den Antrag auf die Mai-Kundgebung auf dem Untermarkt genehmigte, wieherte im Schwelmer Kreishaus der Amtsschimmel. Ein Bürokrat griff zur Feder und teilte dem damaligen IG Metall Bevollmächtigten Otto König unter Verweis auf das Feiertagsgesetz mit, „dass in der Hauptzeit des Gottesdienstes zwischen 6.00 Uhr bis 11.00 Uhr eine öffentliche Versammlung unter freiem Himmel verboten sei“.

Eine Ausnahmegenehmigung könne „beim Vorliegen eines dringenden Bedürfnisses“ erteilt werden, hieß es weiter, doch dies müsse die IG Metall eingehend begründen. Otto König klärte den Beamten im Kreishaus auf, warum der Internationale Arbeiterkongress 1889 in Paris beschlossen hatte, den 1. Mai ab 1890 als weltweiten Kampftag der Arbeiterbewegung durchzuführen. Die Auseinandersetzung führte zu einer kleinen Anfrage (Nr.240) des Abgeordneten Uli Schmidt im NRW-Landtag in Düsseldorf. Innenminister Herbert Schnoor sagte eine Novellierung des Feiertags-Gesetzes zu.

Nachdem die IG Metall Hattingen die Bezahlung der „Ordnungsbehördlichen Erlaubnis“ in Höhe von 20 DM verweigerte, hob die Kreisbehörde die Verwaltungsgebühr wieder auf. Otto König begrüßte trotz strömenden Regens rund 1.000 Kundgebungs-TeilnehmerInnen auf der „ordnungsbehördlich“ erlaubten Mai-Kundgebung mit den Worten: „Für uns ist der 1. Mai keine Ausnahme, für die wir eine Genehmigung benötigen. Denn der 1. Mai ist unser Kampf- und Feiertag.“

1. Mai-Kundgebung 2008_Krämersdorf

2015: „Tag der Arbeit“ soll dem „Tag des Kommerzes“ weichen

30 Jahre später – vor dem 1. Mai 2015 – lauten die Schlagzeilen: „Mai-Kundgebung soll in diesem Jahr dem Maifest weichen“ (STADTSPIEGEL) und „Streit ums Krämersdorf am 1. Mai“ (WAZ). Was ist passiert? Traditionell trafen sich die Gewerkschafter und Bürger nach dem Ende der faschistischen Barbarei zur
1. Mai-Kundgebung auf dem Untermarkt in der Hattinger Innenstadt. Im Jahr 2006 entschieden DGB und IG Metall, die Mai Kundgebung und die anschließende Mai-Feier im Krämersdorf zusammenzulegen.

Doch das Stadtmarketing Hattingen interessiert die Geschichte des „Tages der Arbeit“ nicht. Kommerz und Spektakel sind angesagt – vom 1. bis 3. 5. beim „Maifest“ in der Innenstadt. Also soll der DGB und das Mai-Komitee vom „traditionellen Kundgebungsplatz im Krämersdorf“ weichen. Geschäftsführer Hartmann plant hier einen „Mittelaltermarkt“. Das passt doch: Damals gab es keine Gewerkschaften.

Unsere Hattinger IG Metall-Senioren waren erst sehr erstaunt, doch dann wuchs ihre Empörung, als sie in ihrer monatlichen Zusammenkunft davon erfuhren. IG Metaller Karl-Ferdi Lange wandte sich protestierend an die STADTSPIEGEL-Redaktion: „Ich kann nicht einsehen, dass durch die Planungen vom Stadtmarketing diese seit Jahrzehnten bestehende Arbeitnehmer-Tradition zerstört wird.“ (31.01.2015).

Kollegin Tina Flügge, Betriebsratsvorsitzende und Mitglied des IGM-Ortsvorstandes, legte nach: „125 Jahre Erster Mai – wenn das kein Anlass fürs Geschäftemachen ist! Aus dem „eigenen Feiertag der Arbeiterschaft“ wird ein „Tag des Kommerzes“. Wer feiert denn da? Die Verkäuferin, die mit ihrem prekären Arbeitsverhältnis, jetzt auch am Maifeiertag und (einem weiteren) Sonntag noch freundlich zur Kundschaft sein darf?“ ,fragt sie in ihrem Leserbrief an den Stadtspiegel und fährt fort: „Die Arbeiterbewegung hat diesen Feiertag (teils blutig) erstritten. Er steht u.a. für Arbeitszeitverkürzung, gerechten Lohn und Verbesserung der Arbeitsbedin- gungen“.

Auch der ehemalige IGM-Bevollmächtigte Otto König nahm im STADSPIEGEL Stellung: „Es zeugt von geringem Respekt gegenüber den Arbeitnehmern und ihren Gewerkschaften, wenn das Stadtmarketing aus rein kommerziellen Gründen dem DGB am 1. Mai das Krämersdorf als Kundgebungsplatz streitig machen möchte.“ Er forderte Bürgermeisterin Dagmar Goch auf, eine „klare Ansage an die Verantwortlichen von Hattingen Marketing zu machen, die Rechte der Arbeitnehmer am 1. Mai zu akzeptieren“. (Stadtspiegel, 07.02.2015)

In der WAZ Hattingen prangerte der IG Metaller das „respektlose Verhalten (von Hattingen Marketing) gegenüber den Arbeitnehmern in dieser Stadt“ an. „Jeder rational denkende Bürger, der miterlebt hat, was die Arbeitnehmer für ihre Stadt geleistet haben, kann da nur den Kopf schütteln.“ In gleicher Weise äußert sich der Sprockhöveler IG Metaller Horst Maylandt, für ihn ist es unverständlich wie man auf die Idee kommen konnte. „Den arbeitsfreien 1. Mai mit einem Maifest zu vermischen. Und das in einer Stadt mit guter gewerkschaftlicher Tradition, in der viele Beschäftigte mit ihren Gewerkschaften und der Bevölkerung seit Jahrzehnten immer wieder intensiv um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze gekämpft haben.“ (WAZ 10.02.2015)

Proteste der Gewerkschafter erfolgreich

Die WAZ Hattingen schreibt: „Vor allem Arbeitnehmervertreter pochten auf Wahrung der Tradition am Tag der Arbeit“ und berichtet, dass der Protest zum Erfolg führte: „Hattingen Marketing“ lenkte ein: Die Mai-Kundgebung des DGB findet am Freitag, 1. Mai, ab 9.30 Uhr auf dem Untermarkt in Hattingen statt. Die dort geplanten Aktionen im Rahmen des Maifestes beginnen erst nach der Kundgebung. Künftig wird das Maifest generell abseits des 1. Mai veranstaltet.

Bilder: 1. Mai-Kundgebung 1989 auf dem Untermarkt und 1. Mai-Kundgebung 2008 – im Krämersdorf – Beide Fotos: IGM GH-Archiv

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