Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

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Filmtipp: Sehr sehenswert

Die Welt der neunjährigen Anna Kemper wird im Frühjahr 1933 von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Mit ihrem Vater Arthur ihrer Mutter Dorothea und ihrem drei Jahre älteren Bruder Max sowie der Haushälterin Heimpi lebt sie mitten in Berlin, geht zur Schule und hat Spaß mit ihren Freundinnen.

Dann muss plötzlich alles schnell gehen. Anna muss einen Koffer packen, in dem sie aus Platzgründen nur ein paar Kleidungsstücke, zwei Bücher und ein Spielzeug verstauen kann. Es fällt ihr schwer auswählen, was sie von ihren Spielsachen mitnehmen soll. Letztlich entscheidet sie sich, ihr Lieblingsspielzeug, ein etwas schäbiges rosa Stoffkaninchen, zurückzulassen – eine Entscheidung, die sie später bereut, als die Nazis den Besitz der Familie beschlagnahmen.

Der Film beginnt wie das Buch mit einer Kindergeburtstagsfeier, an der Anna und Max, aber auch eine Gruppe von Jungen in Uniformen der Hitlerjugend teilnehmen. Während einer Rauferei reißt Max einem seiner Gegner ein HJ-Abzeichen ab, das Anna ihrem Vater später zu Hause zeigt. Er macht ihr klar, weshalb er gegen die Nazis ist, und fordert sie auf, das Abzeichen wegzuwerfen. So machen die beiden Kinder ihre eigenen Erfahrungen mit den Nationalsozialisten, die ihrem Vater nach dem Leben trachten.

Judiths Vater, der Journalist und Drehbuchautor Alfred Kerr (1867–1948), wird für seine scharfen Theaterkritiken und Texte von den Rechten in der Weimarer Republik gefürchtet. Kerr verfasste Artikel, in denen er vor den Gefahren warnte, die durch Hitler und die Nationalsozialisten drohten. Deren Reaktion war: Sie setzten den Journalisten mit jüdischem Glauben ganz oben auf die Liste der Feinde, mit denen sie nach der Machtübernahme abrechnen wollten. Bei der berüchtigten „Bücherverbrennung“ im Mai 1933 im Zentrum Berlins wurden auch Kerrs Bücher von einem Mob nationalsozialistischer Studenten und Professoren auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Nachdem Alfred Kerr (im Film Oliver Masucci) eine Warnung erhalten hatte, dass er sich auf der Liste der von den Nazis verfolgten Gegnern befindet, flüchtete er in die Schweiz, um dort abzuwarten, was die kommenden Wahlen ergeben werden. Wenige Tage vor den Reichstagswahlen im März 1933, bei denen die Nationalsozialisten den größten Anteil an Wählerstimmen erhielten und die Macht übernahmen, folgte ihm seine Frau Julia, Pianistin und Komponistin(im Film Carla Juri), mit der neun Jahre alten Tochter Judith (im Buch/im Film heißt sie Anna) und dem Sohn Michael (im Buch/ im Film Max genannt) ins Exil.

Im Deutschen Reich wurden die demokratischen Parteien und Gewerkschaften ausgeschaltet und es begann eine Terrorkampagne gegen alle Gegner. Das bedeutete für die jüdische Familie, dass sie nicht zurück können, sondern sich im Ausland ein neues Leben aufbauen müssen.

Der Film zeigt die Reise von Anna (gespielt von Riva Krymalowski) und ihrem Bruder Max (gespielt von Marinus Hohmann), zunächst in das Schweizer Exil. Die Bedrohung und Existenznot, die die Familie erfährt, wird aus der Sicht eines Kindes erzählt. Und so gibt es neben vielen emotionalen Sequenzen auch heitere Momente, wenn Anna und ihr Bruder Max versuchen müssen, sich in der jeweils neuen Heimat zurechtzufinden und regelrechte Rituale des Ankommens und des Abschieds entwickeln.

So geht nach einer Weile der Familie das Geld aus, denn Arthurs nazikritischen Artikel werden mittlerweile nicht einmal in der Schweiz mehr abgedruckt. Die Schweizer Behörden sind darauf bedacht, ihre neutrale Haltung im Krieg zu wahren, und sie wollen Hitler auf keinen Fall zu nahe treten. Die Kempers ziehen weiter nach Paris, wo sie in einer schäbigen Dienstbotenmansarde hausen und wieder von vorn beginnen müssen – und diesmal beherrscht Anna nicht einmal die Sprache. Die Familie ist den antisemitischen Vorurteilen ihrer Vermieterin ausgesetzt.

Der Film der Regisseurin Caroline Link, die 2018 mit der Verfilmung der Autobiografie von Hape Kerkeling Der Junge muss an die frische Luft einen Kinohit landete, basiert auf dem autobiografisch-gefärbte Jugendroman Als Hitler das rosa Kaninchen stahl von der Autorin Judith Kerr, die 1933 von Berlin mit ihrer jüdischen Familie über die Schweiz und Frankreich nach London zu flüchten musste. Ihr ist eine berührende und mitreißende Verfilmung, die genau den Ton der Vorlage trifft, gelungen. Angesichts der Flüchtlingssituation eine erstaunlich aktuell wirkende Version. Wie schon bei Der Junge muss an die frische Luft mit Julius Weckauf ist Caroline Link bei der Besetzung der Hauptfigur ein absoluter Glücksgriff gelungen. Riva Krymalowski bringt eine Natürlichkeit mit, die es zu einer Wonne machen, ihr zuzusehen, wie sie sich mit Schweizer Jungen Steinkriege liefert oder später in Frankreich nach alternativen Einnahmequellen sucht.

Der Film wie das Buch zeigen die Tragödie von Deutschen mit jüdischem Glauben aus der Perspektive eines Kindes und seiner Familie, die wie Millionen andere den Verlust ihres Heims und ihrer Verwandten, Bekannten und Freunde erleben mussten. Es ist eine universelle Geschichte über Flucht und Verfolgung und der Suche nach einer Heimat und Sicherheit. Die filmische Darstellung verweist auch auf die heutige Zeit: Erneut werden Migrant*innen und Minderheiten rassistisch verfolgt, menschenverachtend gedemütigt und von rechtsradikalen Terroristen wie im sachsen-anhaltinischen Halle überfallen und getötet.

Ein wichtiger Film in einer Zeit, in der AfD-Politiker verbal eine menschenverachtende Stimmung gegen Flüchtlinge erzeugen, die „Volksgemeinschaft“ propagieren, davon sprechen, dass der „Schuldkult“ die Deutschen stranguliere und Ex-AfD-Vorsitzender Alexander Gauland die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ verniedlicht – all dies fördert den zunehmenden Hass und die Gewalt von Rechtsradikalen in unserer Gesellschaft Charlotte Link hat den Film zur richtigen Zeit gedreht:

 

Foto: Familie Kemper auf der Flucht – Sommerhaus Filmproduktion

 

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