Arbeitsniederlegung „Für Frieden und gegen Atomraketen“

Arbeitsniederlegung „Für Frieden und gegen Atomraketen“

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1942

125 Jahre IG Metall Teil 9

Am 1. September, dem Antikriegstag, erinnern ältere und jüngere GewerkschafterInnen und Friedensfreunde an den Beginn des Vernichtungskrieges der Hitler-Faschisten gegen ihre europäischen Nachbarn. Am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht Polen und am 21. Juni 1941 die Sowjetunion. Die grausame Bilanz am Ende des Zweiten Weltkrieges lautete: 55 Millionen Tote, darunter über 20 Millionen sowjetische BürgerInnen und sechs Millionen jüdische Mitbürger, die in Konzentrationslagern wie Auschwitz ermordet wurden. Am Antikriegstag geht es jedoch nicht nur um das Erinnern, sondern insbesondere um das aktive Eintreten für Frieden und gegen Aufrüstung.

„Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“

Das war der innigste Wunsch junger Menschen, die als Kinder oder Jugendliche, die, wie beispielsweise der spätere Maschinenschlosser Willi Ebbinghaus und der Elektroinstallateur Herbert Wils die Bombenangriffe der Alliierten in Gevelsberg oder Hagen erlebten, oder als 17 Jährige Heranwachsende in der Endphase des Krieges als „Kanonenfutter“ verheizt werden sollten, wie der ehemalige Stahlarbeiter Günter Grünnemann und der Herdschlosser Heinz Müller.

Daraus zogen, wie der Schriftsteller Wolfgang Borchert, die einzig richtige Schlussfolgerung: „Sag nein!“ – sie wollten nie wieder Soldat sein, nie wieder Uniform tragen, nie wieder töten müssen. Selbst der bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß erklärte damals: „Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen.“ Doch fünf Jahre nach Ende des Krieges, Ende September 1950, war sich die Nato einig, dass Deutschland „einen Beitrag zum Aufbau der Verteidigung Westeuropas leisten“ soll. Eine deutsche Armee mit der Stärke von zunächst 250.000 Soldaten sollte aufgestellt und vom „Amt Blank“ die Bildung der Bundeswehr vorbereitet werden.

Dagegen wuchs in der kriegsmüden Bevölkerung der Widerstand. Die „Ohne-Mich“-Bewegung weitete sich in Westdeutschland sprunghaft aus. „Ohne mich!“ hieß, sich der Mitwirkung an der „Remilitarisierung Westdeutschlands“ zu verweigern. Auf Initiative des Theologen Martin Niemöller entwickelte sich die Idee einer „Volksbefragung über die Wiederbewaffnung“. Trotz Verbots  wurden im April 1951 fast 6 Millionen Unterschriften gegen die Wiederbewaffnung gesammelt. Gegen den Widerstand aus der Arbeitnehmerschaft  trat die Bundesrepublik 1955 der NATO bei, und ein Jahr später führte die Bundesregierung die „allgemeine Wehrpflicht“ wieder ein.

„Kampf dem Atomtod“ – Ostermarsch der Atomwaffengegner

Danach – im April 1957  – machte sich Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) für die atomare Ausrüstung der Bundeswehr stark. „Die taktischen (Atom) Waffen sind nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie“, verniedlichte er das totbringende Waffensystem. Dagegen nahm u.a. der IG Metall-Vorsitzende Otto Brenner eindeutig Stellung: „ Die militärische Gernegroß-Politik in der Bundesrepublik kann keines unserer Probleme lösen. Nicht militärische, sondern soziale Umrüstung lautet deshalb unser Motto“. 30.000 Menschen forderten auf dem Römerberg in Frankfurt/Main den Verzicht auf „atomare Aufrüstung der Bundeswehr und stattdessen eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa“.

Dies war ein Höhepunkt der „Anti-Atom-Bewegung“ in der jungen Republik die Anfang der 1960er Jahre in die Ostermarsch-Bewegung einmündete. Die britische „Campaign for Nuklear Disarmament“ (CND) zog auch viele FriedensaktivistInnen aus Westdeutschland an. So nahm eine Delegation von jungen Mitgliedern der IG Metall im Frühjahr 1960 am viertägigen Marsch gegen Atomwaffen von der Atomfabrik in Aldermaston zum Trafalgar Square in London teil.

Ein Jahr später rief der „Zentrale Ausschuss – Ostermarsch der Atomwaffengegner“ erstmals zu vier Märschen in der Bundesrepublik auf. Der DGB meinte, seine Funktionäre und Mitglieder bevormunden zu müssen und untersagte ihnen die Teilnahme daran. Auf Druck der Mitgliedschaft wurde diese Erklärung zuerst abgeschwächt und schließlich ganz zurückgezogen. Schließlich forderte 1962 die „Zentrale Jugendkonferenz der IG Metall“ in Bochum zur Teilnahme an den Ostermärschen auf. Dies hatte eine positive Signalwirkung auf die gesamte Gewerkschaftsjugend.

Auch in Gevelsberg bildete sich ein Ostermarsch-Ausschuss, dem sich „Arbeiter und Angestellte, Betriebsräte, Lehrer und Hausfrauen anschlossen“, erinnert sich das ehemalige Bauknecht-Betriebsratsmitglied Herbert Wils. Die GewerkschafterInnen aus dem EN-Kreis schlossen sich dem Ostermarsch West an, der von Duisburg, Essen, Bochum nach Dortmund führte. Von 1960 bis 1968 stieg die Zahl der TeilnehmerInnen bei den Ostermärschen von 1.000 auf 300.000.

Foto_Friedensdemo Bonn 10.10.1081Foto: Friedensdemonstration am 10.10.1981 in Bonn

Hundertausende gegen die Stationierung von Atomraketen

Die Friedensbewegung in der BRD bekam zu Beginn der 1980er-Jahre erneuten Auftrieb. Der Nachrüstungsbeschluss der NATO vom 12. Dezember 1979 und der Konflikt um die Stationierung der neuen US-Atomraketen Pershing II und Marschflugkörper „Cruise Missile“, vorangetrieben von Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), mobilisierte Millionen BürgerInnen. „Es waren politisch spannende Zeiten“, schätzt Peter Pangerl, ehemaliger stellv. Betriebsratsvorsitzender von ThyssenKrupp Bilstein (Ennepetal), ein und schildert, dass viele betriebliche KollegInnen – mit von der IG Metall Gevelsberg und dem DGB-Kreis Ennepe-Ruhr organisierten Bussen – „zu den großen Friedensdemonstrationen nach Bonn gefahren sind, um gegen die „Nachrüstung und die Aufstellung der Atom-Raketen“ zu demonstrieren.“

Mitglieder des Ortsjugendausschusses wie die Jugendvertreter der Henrichshütte, Petra Beil und Konrad Karwatzki, sammelten in der Vertreterversammlung der IG Metall Hattingen Mitte 1981 Unterschriften unter den „Krefelder Appell“, in dem die Bonner Politiker aufgefordert wurden, die Zustimmung zur Stationierung der Atomraketen zurück zu ziehen. Der Appell wurde von über vier Millionen Menschen unterzeichnet. Trotz Beschluss des DGB-Bundesvorstandes, dass sich keine Einzel-Gewerkschaft an der „Friedensdemonstration für Abrüstung und Entspannung in Europa“ am 10. Oktober 1981 in Bonn beteiligt, fuhren auch aus Hattingen zwei Busse nach Bonn. Jugendvertreter, Vertrauensleute und Betriebsratsmitglieder aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis reihten sich unter die 300.000 FriedensdemonstrantInnen ein.

Georg Benz, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall sagte unter großem Beifall: „In einer so lebenswichtigen Frage, wie der Sicherung des Friedens darf es keine Abgrenzungstaktik oder Berührungsängste gegenüber anderen Gruppen der Friedensbewegung geben.“ Neun Monate später mobilisierten die Gewerkschaften gemeinsam mit Friedensgruppen, Kirchen, SPD und Grünen zur Friedensdemonstration auf der Bonner Hofgartenwiese. 400.000 forderten die Rücknahme des Nato-Doppelbeschlusses sowie die Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa.

Die gewerkschaftlichen Aktivitäten mündeten in die Aktion „Fünf Mahnminuten für den Frieden.“ Trotz „Arbeitgeberaushänge“ wie bei G. Düsterloh in Sprockhövel, in denen es hieß, „Arbeitsunterbrechungen zum Zwecke politischer Kundgebungen sind nicht rechtens“, legten am 5. Oktober 1983 hunderte Beschäftigte der Henrichshütte, von Orenstein & Koppel, Köppern, Mönninghoff, Hausherr und Düsterloh die Arbeit nieder. Wie Millionen Arbeiter und Angestellten im ganzen Bundesgebiet, protestierten sie gegen den Rüstungswahnsinn und die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen. Der damalige IG Metall Bevollmächtigte Otto König rief vor den O&K’lern aus: „Sage niemand, er habe es nicht wissen können. Mit den geplanten Mittelstreckenraketen rückt die Gefahr eines dritten Weltkrieges näher als je zuvor. Es ist fünf vor zwölf!“

Am 22. Oktober 1983 demonstrierten in Berlin, Bonn, Hamburg, Stuttgart und Ulm erneut 1,3 Millionen Menschen. Trotz der millionenfachen Proteste stimmte unter der CDU/FDP Regierung von Kanzler Helmut Kohl (CDU) der Bonner Bundestag mit einer knappen Mehrheit der Stationierung der Pershing-II-Raketen zu. 1986 wurden auf der ehemaligen Raketenstation der NATO in Pydna im Hunsrück 96 abschussbereite Cruise Missiles mit Atomsprengköpfen stationiert.

Die Waffen nieder: Kooperation statt Konfrontation –  Abrüstung statt Sozialabbau

33 Jahre später: Die Bundeswehr ist bei vielen militärischen Konflikten im Ausland im Einsatz. Die Große Koalion unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forciert eine Politik der massiven Aufrüstung. Deutsche Rüstungsschmieden exportieren Waffen in alle Welt, insbesondere in die Krisenregion auf der arabischen Halbinsel. Während das Geschäft mit dem Tod blüht, fliehen Millionen Menschen vor Krieg und Terror.

Dieser Politik müssen wir Widerstand entgegensetzen: Die „Alten“, die in den vergangenen Jahrzehnten „Nein zu Atomwaffen, Krieg und Militärinterventionen“ gesagt haben, wie Heinz, Günter, Willi, Herbert und viele andere mehr und die „Jungen“ wie Daniel, Robin, Florian und Jenny und viele andere ihrer Generation – sie alle wollen eines gemeinsam: Keine Kriege, keine Aufrüstung und Waffenexprote – sie wollen Frieden.

Der Text stützt sich u.a. auf folgende Quellen:

Auf Gespräche des Autors mit Kollegen für Artikel auf der Internet-Seite www.igmetall-en.de
Karl Polixa, Herbert Wils, Dr. Mathias Jung „Rote Sirene“, Plambeck Verlag Neuss
Otto König, „Band der Solidarität – Widerstand, Alternative Konzepte und Perspektiven“, VSA Verlag Hamburg 2012

Foto: Beschäftigte von Orenstein & Koppel legen 1983 die Arbeit nieder und protestieren gegen die Aufstellung von Atomraketen – Foto: IGM GH-Archiv

Foto: Friedensdemonstration am 10.10.1981 in Bonn