Azubis forderten: „Lasst uns nicht hängen!“

Azubis forderten: „Lasst uns nicht hängen!“

Daniel Irschei, Studierender an der „Akademie der Arbeit“

Es war in der Wirtschaftskrise 2008/2009: ThyssenKrupp kündigte Pläne für einen radikalen Umbau des Konzerns an. Betroffen war auch der Standort Thyssen-Krupp Bilstein in Ennepetal. Betriebsbedingte Kündigungen und die Einstellung der Ausbildung standen im Raum. „Es war die Sorge um ihre Zukunft, die die Mehrheit der 450 Beschäftigten im Mai 2009 ins Haus Ennepetal trieb. „In einer kämpferischen Betriebsversammlung haben wir den Chefs Paroli geboten“, erinnert sich der damalige Jugend- und Auszubildendenvertreter (JAV) Daniel Irschei.

Während der Betriebsratsvorsitzende Dieter Fraune die Ausschöpfung „aller gesetzlichen und tarifvertraglichen Möglichkeiten zum Absenken der Arbeitszeit“ einforderte, um die Arbeitsplätze zu sichern, machte sich der JAV-Vorsitzende Stefan Römer für die „Weiterführung der Ausbildung und eine zwölfmonatige Übernahmegarantie für die Azubis“ stark. „18 Azubis erklommen die Bühne und hefteten große Lettern mit dem Appell „Lasst uns nicht hängen“ an die Wand, schildert Daniel die mit großen Beifall unterstützte Aktion. Diese Aktion und die Verhandlungen der Interessenvertretung waren erfolgreich: Es kam zu keinen Entlassungen und künftig wurden wieder drei Azubis pro Jahr eingestellt.

Daniel Irschei wurde 1990 in Hagen, vielfach als „Tor zum Sauerland“ beschrieben, geboren. Es war ein ereignisreiches Jahr: Mit dem Beitritt der Gebiete der ehemaligen DDR zum Geltungsbereich der BRD wurde nach 45 Jahren die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten vollzogen. Daniel wuchs im Stadtteil Eilpe auf. Hier ging er, der sich ehr als „ruhiger Typ“ charakterisiert, zur Grund- und Gesamtschule. In dieser Zeit begeisterte er sich für Handball – ein Sport bei dem er sich schon früh seine Teamfähigkeit und ein schnelles und gezieltes Zuspiel angeeignet hat.

Im Jahr August 2008 begann der Hagener beim Ennepetaler Automobilzulieferer ThyssenKrupp Bilstein eine dreieinhalb-jährige Ausbildung zum Industriemechaniker. Beim „Begrüßungsgespräch der IG Metall“ trat er gleich in die Gewerkschaft ein. „Viel Überzeugungskraft musste Clarissa Bader, damals für Jugendarbeit zuständig, bei mir nicht aufwenden“, sagt Daniel schmunzelnd. Er war schon vorbelastete. In Diskussionen mit seinem Vater, der ebenfalls gewerkschaftlicher Vertrauensmann war, sei seine Entscheidung sich gewerkschaftlich zu organisieren, gereift.

So bedurfte es auch nur eines „kleinen Anstoßes“ von Stefan Römer, dass er sich im Herbst des gleichen Jahres bei der JAV-Wahl aufstellen ließ und auch gewählt wurde. Daniel wurde IGM-Vertrauensmann, arbeitete im Leitungskollektiv des gewerkschaftlichen Vertrauenskörpers mit, und schließlich wählten ihn die KollegInnen 2014 in den Betriebsrat. Sein Wissen für diese Tätigkeiten erarbeitete er sich gemeinsam mit anderen KollegInnen in Gewerkschaftsseminaren. Überhaupt ist für den 26-Jährigen der  „Erfahrungsaustausch mit Kollegen über die Betriebsgrenzen hinweg“ sehr wichtig.

„Eine entscheidende Motivation, mich auch in die örtliche Jugendarbeit unserer Geschäftsstelle Gevelsberg-Hattingen einzuklinken“, meint Daniel und schildert, wie es ihnen mit Unterstützung der für Jugendarbeit zuständigen Gewerkschaftssekretärin Jennifer Schmidt gelungen ist, die „Arbeit des Ortsjugendausschusses neu zu beleben“. Daniel: „Man hört von anderen, welche Probleme es bei ihnen im Betrieb gibt, welche Lösungen sie suchen“. Das sei wichtig, um gemeinsam Aktivitäten für eine Verbesserung der Ausbildung zu überlegen oder Jugendforderungen und Aktionen zur Durchsetzung in Tarifbewegungen gemeinsam vorzubereiten.“

Das alles falle nicht vom Himmel, denn keiner werde als Gewerkschafter geboren, deshalb hält Daniel die gewerkschaftliche Bildungsarbeit für so wichtig. Eingeprägt haben sich bei ihm die Jugendseminare nicht nur, aber besonders die auf dem Schiff auf dem Ijsselmeer – zuerst als Teilnehmer und später als Teamer. Lernen und arbeiten – Diskussionen über betriebliche und gesellschaftspolitische Themen, aber auch „Deck schrubben“ – waren angesagt, und dennoch sei „die Freizeit und der gemeinsame Spaß nicht zu kurz gekommen“.

Immer wieder betont Daniel im Gespräch wie wichtig es ist, neues zu lernen, neue Erfahrungen zu machen. Diese Gelegenheit nahm er 2012/2013 auch als Teilnehmer an einem deutsch-russischen Jugendprojekt wahr. Vor Ort in Russland in der Industriestadt Samara an der Wolga und in der „Lada“-Stadt Togliatti „machten wir uns schlau, über die Arbeits- und Lebensbedingungen jugendlicher Industriearbeiter und die gewerkschaftliche Arbeit in den Betrieben“, berichtet Daniel über seine dreimaligen Aufenthalte in der Russischen Föderation und den Gegenbesuch der russischen Kollegen in Berlin.

Diese Suche nach Neuem, nach Orientierung, nach Herausforderungen haben ihn letztlich nach seiner dreijährigen Tätigkeit als Facharbeiter dazu bewogen, sich wie beim Handballspiel eine „Auszeit“ zu nehmen, d.h. sich bei TKB in Ennepetal unbezahlt freistellen zu lassen, um ein elf-monatiges Studium an der „Europäischen Akademie für Arbeit“ in Frankfurt aufzunehmen. Für Daniel eine einmalige Chance, „Zeit zu haben, sich intensiv mit wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen, Geschichte und Fragen der Arbeiterbewegung und der Thematik Arbeitsrecht auseinandersetzen zu können“. Und das zusammen mit 44 „Team-Playern“ im Kurs – aus fast allen DGB-Gewerkschaften mit unterschiedlichen Erfahrungshorizonten – das noch bis Ende August 2016 läuft.

Dann steigt der junge Gewerkschafter wieder in die betriebliche Arbeit bei TKB ein. Wobei Daniel sich schon vorstellen kann, perspektivisch auch hauptamtlich für die IG Metall tätig zu sein, sich für die Interessen der Kolleginnen und Kollegen einzusetzen. So war es für ihn auch selbstverständlich, dass er in seinen „Semesterferien“ aktiv bei der Jugendkampagne „modern. bilden“ mitmischte und sich bei der großen Jugendversammlung in der Stadthalle Hagen engagierte.

In seiner knapp bemessenen Freizeit darf natürlich seine Freundin nicht zu kurz kommen. Ein Vorteil ist, dass sie viele Interessen gemeinsam teilen – beim Sport, an anderen Kulturen und Ländern.

Foto: Robin Libuda, JAV O&K Antriebstechnik Hattingen, und Daniel Irschei, Betriebsratsmitglied TKB Ennepetal während der Tarifrunde 2015 (v.l.n.r.) Foto: IGM GH-Archiv

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