„Betriebsbesetzer“ hat Kampf ums Leben verloren

„Betriebsbesetzer“ hat Kampf ums Leben verloren

Wilfried Köhler verstorben

Die Solidarität war überwältigend. 3.000 Menschen strömten im Februar 1984 zum Solidaritätsfest ins besetzte Mönninghoff-Werk in Hattingen. Wo sonst Maschinenlärm und das Donnern der Schmiedehämmer den Ton angaben, sang die spontan gegründete Mönninghoff-Songgruppe: „Wir wissen, dass der Kampf wird schwer, doch eine andere Antwort gibt’s nicht mehr und nur durch Solidarität aus unsrer Angst auch Mut entsteht.“

Zu den Sängern gehörte Kollege Wilfried Köhler, der wie seine KollegInnen nicht akzeptieren wollte, dass der in Konkurs geratene Schmiede-Betrieb abgewickelt und ihre Existenz vernichtet werden sollte. In Notwehr besetzten sie „ihren“ Betrieb. Ihr Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze machte zu Beginn der 80er-Jahre nicht nur im Ruhrgebiet Schlagzeilen.

Am Anfang des neuen Jahres 2016 verstarb der „Tief im Westen“ gebürtige Bochumer im Alter von 60 Jahren. Wilfried begann1970 als angelernter Arbeiter beim Bochumer Flanschenproduzenten Mönninghoff und arbeitete später als Prüfer in der Endkontrolle. Er wurde Mitglied der IG Metall und von den Jugendlichen zu ihrem Jugendvertreter gewählt.

Im Februar 1982 wechselte er in den Hattinger Betrieb der Firmen-Gruppe. Sein erster Kampf um den Standort dauerte im Mai 1983 zehn Tage. Der Belegschaft, dem Betriebsrat und der IG Metall gelang es, die drohende Liquidierung des Betriebes abzuwenden. „Wir standen zwischen den Fachwerkhäusern auf dem Untermarkt als IG Metall-Sekretär Hartmut Schulz ins Mikrofon schmetterte: Soeben erreichte uns die Nachricht: Mönninghoff ist gerettet. Den Jubelschrei aus sechstausend Kehlen werde ich nie vergessen“, sagte Wilfried über den 17. Mai 1983 in Hattingen.

Doch im Januar 1984 weigerten sich die Bankinstitute erneut weitere Raten aus dem landesverbürgten Kredit auszuzahlen und steuerten damit das Unternehmen in den Konkurs. Die Mönninghoffer nahmen das Aus der Firma nicht hin. Sie besetzten mit Hilfe der IG Metall Hattingen „ihren“ Betrieb und entwickelten mit Unterstützung externer Berater zur Fortführung der Produktion das „Hattinger Modell“. Für Winnie, wie ihn seine Kollegen nannten, war immer klar, warum es nicht zustande kommen durfte: „Unser Beispiel könnte ja Schule machen.“

Beim Sprockhöveler Bergbau-Zulieferer stand er ab April 1985 zuerst am Prüfstand und später montierte er Hydraulik-Motoren. Hier knüpfte er wieder an seine gewerkschaftlichen Aktivitäten an, wurde Vertrauensmann und übernahm die Leitung des IG Metall-Vertrauenskörpers. Erneut wurde er zum Opfer der Arbeitsplatzvernichtung. Die Geschäftsführung der Düsterloh GmbH setzte auf phantasielosen Personalabbau.

Im Jahr 1994 schied Winnie Köhler über den vereinbarten „Beschäftigungsplan“ aus, absolvierte eine sechsmonatige Qualifizierungsmaßnahme „Steuerungstechnik“, begann eine 23-monatige Umschulung zum Industriemechaniker. Trotz erfolgreicher Abschlussprüfung erlebte er in den folgenden Jahren die hässliche Seite des Kapitalismus bei Firmen in Velbert, Hasslinghausen und Wuppertal, wo ihn das Arbeitsamt hin vermittelte, die weder Betriebsrat noch Arbeitsschutz kannten. Wo Beschäftigte wochenlang auf ihre Entlohnung warten mussten. Bis er wegen seines Nierenleidens als Frührentner aus dem Arbeitsleben ausschied.

Winnie war stolz darauf, dass sein ständiges Bohren, was die Songgruppe betraf, von Erfolg gekrönt war. 30 Jahre nach der Betriebsbesetzung kam es auf der 1. Mai-Kundgebung 2014 zu einem Revival der Mönninghoff-Songgruppe. Viele auf dem Platz sangen:. „Wenn wir zusammen geh‘n, kommt mit uns ein bessrer Tag“. Für unseren Kollegen Wilfried Köhler sollte es nur noch ein kurzer gemeinsamer Weg sein: Der Kämpfer, der Betriebsbesetzer hat viel zu früh seinen Kampf ums Leben verloren.

Die Urnen-Beisetzung für unseren Kollegen Winnie Köhler findet am Mittwoch, 27. Januar um 11.00 Uhr auf dem Friedhof in Bochum-Eppendorf, Holzstrasse 72 statt. Der Treffpunkt ist an der Trauerhalle. Danach findet in Hattingen um 12.00 Uhr im Café „Annelie´s“ in der Augustastrasse 9 eine kleine von Freunden gestaltete „Abschiedsfeier“ statt.

Foto: Wilfried Köhler auf dem Hüttenfest 2012 Foto: IGM GH

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