„Das waren wir unseren Kindern schuldig“

„Das waren wir unseren Kindern schuldig“

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Was macht eigentlich: Wolfgang Krieger

Die Hattinger Gewerkschafter sollten am diesjährigen 1. Mai von ihrem traditionellen Kundgebungsplatz verdrängt werden. Die Verantwortlichen des „Stadtmarketing Hattingen“ wandelten den „Tag der Arbeit“ kurzfristig um in den „Tag des Kommerzes“. Dafür wollten sie sowohl den Untermarkt als auch das Krämersdorf in der Hattinger Innenstadt für ihr kommerzielles Maifest 2015 in Beschlag nehmen. „Ausgerechnet auf den beiden Plätzen, auf denen sich die Gewerkschafter seit 1946 zur 1. Mai-Kundgebung trafen bzw. treffen,“ kritisiert Wolfgang Krieger, der den Arbeitskreis IG Metall-Senioren in Hattingen leitet.

Im Kreis der älteren IG Metall-Mitglieder habe die Empörung hohe Wellen geschlagen, als sie hörten, wie respektlos eine von der Stadt gesponserte Institution mit dem weltweiten Kampftag der Arbeiterbewegung umgehen wollte. Ältere und jüngere Gewerkschafter pochten auf die Wahrung der Tradition am 1. Mai in der Ruhrstadt. „Der Protest war erfolgreich, die DGB-Kundgebung findet auf dem Untermarkt statt,“ sagt Wolfgang und lächelt zufrieden. Der Gewerkschafter – der heute 70 Jahre wird – hat in den vergangenen Jahrzehnten manchen Kampf gemeinsam mit seinen KollegInnen ausgefochten.

Wolfgang Krieger wurde im Februar 1945 in Hattingen geboren. Wenige Tage bevor Bombenhagel der Allierten den Großteil von Hattingen in Schutt und Asche legten und damit das Ende der Naziherrschaft im Ennepe-Ruhr-Kreis einläuteten. Aufgewachsen ist er in Obersprockhövel und besuchte ab 1951 die Volksschule Pöting. Schon früh begeisterte sich der Heranwachsende für Leichtathletik und brachte es „bis zur Teilnahme an mehreren Landesmeisterschaften.“ Als Rettungsschwimmer war er später beim DLRG aktiv.

Nach Beendigung der Volksschule begann Wolfgang bei der Firma Busch in Haßlinghausen eine Ausbildung zum Dreher. Schon während der Lehre sprachen ihn seine älteren Kollegen im Betrieb auf die Gewerkschaftsmitgliedschaft an. So trat er am 1. Mai in die IG Metall ein, machte in der IG Metalljugend und später bei den Jungsozialisten mit. „Es waren interessante Zeiten,“ erinnert sich der langjährige Gewerkschafter: „Politisch aber auch in der Freizeit.“ Als er sich einen „fahrbaren Untersatz“ zu gelegt hatte, ließ er keinen Tanzboden in der Umgebung aus: „Ich war der Twist und Rock ‚n‘ Roll-König.“

Es war das politische Engagement das seine antimilitaristische Einstellung prägte. Schließlich machte er sich auf den Weg nach West-Berlin, um der Einberufung zur Bundeswehr zu entgehen. Zwei Jahre arbeitete er als Dreher in den Siemens Schuckert-Werken, dann zog es ihn zurück ins Westfälische. Stationen seiner weiteren Berufstätigkeit waren von Schewen, dann die Werner Böhmer GmbH in Sprockhövel, wo ihn seine Kollegen in den Betriebsrat wählten, schließlich gelang es ihm 1970 mit „Fürsprache“ in der Arbeitsvorbereitung der „Bearbeitungswerkstätten“ der Henrichshütte in Hattingen eine Anstellung zu bekommen.

Anfang der 80er-Jahre wechselte der gewerkschaftliche Vertrauensmann in die Lehrwerkstatt der Hütte. Doch der damalige Leiter, Herr Esser, beendete seine „Karriere“ als Ausbilder abrupt, weil „ich mir das Recht nahm, in Kur zugehen.“ Doch ein Ausbilder hatte „weder krank zu sein, geschweige denn, eine Kur in Anspruch zu nehmen.“ So wurde er nach Rücksprache mit dem damaligen Betriebsratsvorsitzenden Willi Koch und seinem Stellvertreter Heinz-Werner Heinrichs im „Material- und Beschaffungswesen“ eingesetzt.

„Als wir Anfang der 80er-Jahre gegen die Demontage der 2,8-Meter-Grobblechstrasse den Kampf aufnahmen, hätten wir nicht im Entferntesten daran gedacht, dass Thyssen mal die ganze Hütte dicht machen sollte“, kommt Wolfgang auf den heftigen Hüttenkampf 1987 zu sprechen: „Zuerst drehten uns viele Angestellten-Kollegen den Rücken zu, wenn wir sie zu Aktionen aufgefordert haben. Dann waren sie selbst betroffen und reihten sich freiwillig ein.“ So bei der großen „IG Metall-Kundgebung der 30.000“ auf dem Hattinger Rathausplatz.

Der Tag der Entscheidung – 23. Juni 1987 – als der Thyssen-Aufsichtsrat gegen die Beschäftigten und ihre Angehörigen stimmte, hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. „Als die Nachricht kam, mischte sich bei uns Wartenden Trauer und Wut,“ erinnert sich der damalige Leiter des Angestellten-Vertrauenskörpers. Sie hätten ihre Wut in Zorn verwandelt und weitergekämpft bis die geplanten „Massenentlassungen von 2.900 StahlarbeiterInnen vom Tisch waren.“ Diese Zeit des Kampfes, der gelebten Solidarität vergesse man nicht.

Wolfgang Krieger wurde am 1. Januar 1988 nach Witten auf einen Arbeitsplatz bei den Thyssen Edelstahl-Werken versetzt. Hier war er für Arbeitspläne für das Walzwerk und die Schmiede zuständig. Die schwierigste Zeit war für ihn jedoch, als er für ein Jahr von Witten nach Krefeld „ausgeliehen“ wurde. Die täglichen Fahrten „quer durchs Revier waren eine Tortur.“ Umso erleichterter war der Gewerkschafter als er 2002 in die Altersteilzeit eintreten und sechs Jahre später in den Ruhestand ausscheiden konnte. Zurückblickend steht für Wolfgang fest: „Wir mussten den Kampf aufnehmen. Das waren wir uns und unseren Kindern schuldig. Wichtig war, dass wir uns auf unsere IG Metall verlassen konnten.“

Es war ein „Unruhe“- stand in den Wolfgang Krieger überwechselte. Da war zunächst seine Mitarbeit und schließlich die Übernahme des Vorsitzes der „Ideenschmiede“ auf dem ehemaligen Hüttengelände. Für seine IG Metall, der er über 50 Jahre angehört, organisiert er die monatlichen Zusammenkünfte der Senioren in Hattingen, vertritt die Verwaltungsstelle im bezirklichen Arbeitskreis Außergewerkschaftliche Arbeit (AGA) und mischt sich in die Debatten der Delegiertenversammlung ein, der er seit den 70er-Jahren angehört. Und schließlich ist da noch sein Engagement in der SPD – das nicht immer mit Freude verbunden ist. Doch wenn er Ruhe finden will, genießt er mit seiner Frau Ute das Zusammensein mit den Kindern und Enkelkindern, frönt seiner Leidenschaft des Sammelns von Briefmarken oder spielt in geselliger Runde Skat.

Wolfgang Krieger (l.) mit Günter Sandkühler und Peter Hoven in Sprockhövel Foto: IGM-GH

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