Die Digitalisierung industrieller Arbeit

Die Digitalisierung industrieller Arbeit

Der »Transformationsatlas« der IG Metall

Der Strukturwandel in Produktion und Dienstleistungen wird in den kommenden Jahren zu massiven Umbrüchen in der Unternehmenslandschaft und im Beschäftigungssystem führen. Automatisierung, digital vernetzte Fertigungsprozesse, der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in administrativen und Logistikbereichen sowie der Umbau globaler Wertschöpfungsketten erfassen Produktion wie Dienstleistungen.

Laut »OECD-Beschäftigungsausblick 2019« sind in Deutschland 18,4% der Arbeitsplätze durch Automatisierung bedroht. Bei 35,8% der Jobs dürften sich dieser Studie zufolge die Anforderungen durch Digitalisierung stark verändern. Neue Qualifikationen werden erforderlich, vorhandene teilweise entwertet und die Halbwertzeit von Erfahrungswissen und erworbener Fähigkeiten wird sinken. All dies trifft vor allem Deutschlands industrielle Schlüsselbranche, die Metall- und Elektroindustrie.

Um nähere Einblicke in die Transformationsprozesse zu erhalten, hat die IG Metall im Frühjahr 2019 über 10.000 Betriebsräte aus 1.964 Betrieben mit rund 1,7 Millionen Beschäftigten und Vertrauensleute befragt, wie stark der Wandel »ihr« Unternehmen erfasst und wie gut es auf die kommenden Veränderungen vorbereitet ist. Auf der Grundlage der Befragungsergebnisse wurde ein »Transformationsatlas« erstellt, der Chancen und Risikopotentiale der Transformation industrieller Arbeit aufzeigt. Das gilt nicht nur für die jeweiligen Teilbranchen; das Material und dessen Analyse kann auf die einzelnen Unternehmen und Betriebe heruntergebrochen und damit für proaktive Initiativen genutzt werden.

Die IG Metall nutzt damit erneut das Instrument einer Befragung, bringt auf diese Weise das Expertenwissen der Beschäftigten und Interessenvertretungen ins Spiel, um daraus ihre Politik näher bestimmen zu können. Die Bestandsaufnahme belegt: Die Transformation industrieller Arbeit hat begonnen, »Digitalisierung hat in vielen Betrieben Einzug gehalten, steht jedoch erst am Beginn«. Am weitesten vorangeschritten ist die Vernetzung der Produktionsmittel. Ferner wird fortgeschrittene Informationstechnik in gut 40% der Betriebe für die Ferndiagnose und Fernwartung von Anlagen und Apparaturen eingesetzt.

Kollaborierende Roboter sowie der Einsatz von KI zur Automatisierung von Arbeiten in der Administration, Personalverwaltung sowie im Ein- und Verkauf gibt es über Erprobungsstadien hinaus erst in Teilbereichen. Dieser Ausgangspunkt dürfte sich nach Einschätzung der betrieblichen Interessenvertretungen jedoch zügig verändern. Denn neben den durch Digitalisierung ermöglichten Rationalisierungseffekten steigt der Umsatz mit digitalisierten Produkten und die damit verbundene Zunahme produktbezogener Dienstleistungen. Die Geschäftsmodelle verändern sich.

Im frühen, sich jedoch dynamisch entwickelnden Stadium der Transformation gibt es Möglichkeiten der Einflussnahme, bessere als in späteren Zeiten, wenn die Digitalisierungsprozesse festgelegt und Pfadwechsel kaum noch möglich sind. Der Zeitpunkt für proaktive Betriebspolitik ist also gekommen.

Alarmierend ist: In nur 18% der Betriebe gibt es eine Strategie zur Bewältigung der neuen Herausforderungen; in weiteren 19% der Betriebe sind nach Beurteilung der Betriebsräte nur Teilstrategien vorhanden; 43% der in die Umfrage einbezogenen Betriebe gehen nach Auffassung der Betriebsräte weitgehend oder gänzlich unvorbereitet in die anstehenden digitalen Transformationsprozesse. Der Eindruck ist, dass ein Teil der Unternehmer Zukunftsplanung für überflüssig hält, solange die Auftragsbücher noch voll sind und Gewinn eingefahren werden.

Damit korrespondiert, dass eine frühzeitige Information der Betriebsräte über Veränderungsprojekte in 52% der Betriebe nicht stattfindet. In nur 38% wird die Betriebsrat in Projektentwicklungen und deren Umsetzung einbezogen. Auch die Information der Beschäftigten – eine Grundbedingung für Beteiligung und Mitgestaltung – wird sträflich vernachlässigt: 72% der Arbeitnehmer*innen sind nicht ausreichend über die zukünftigen Änderungen in ihrem Betrieb informiert.

Auch die Fähigkeit, sich auf neue Geschäftsmodelle und Personalbedarfe einzustellen, ist nur in Ansätzen vorhanden. Die Hälfte der in die Befragung einbezogenen Betriebe hat keine systematische Personalplanung. Gleiches gilt für die Qualifizierungsbedarfe, deren Ermittlung nur in 45% der Betriebe systematisch erfolgt. Wenn sich die Unternehmen weiterhin so defensiv verhalten, »spielen sie Roulette mit der Zukunft der Beschäftigten«, kritisiert der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann deren Verhalten.

Die Betriebsratsarbeit steht damit vor großen Hürden. Man weiß um die Dynamik der anstehenden Veränderungen im Zuge der Digitalisierung der Arbeit, sieht aber zugleich, dass in der Mehrzahl der Betriebe Kurzfristdenken und -handeln vorherrschend ist. In dieser Situation funktionieren klassische Routinen der Mitbestimmung nicht. Betriebsräte müssen verstärkt auf das Expertenwissen innerhalb der Belegschaften zurückgreifen, um an die entscheidenden Informationen über die anstehenden Veränderungen in den Betrieben heranzukommen. Und sie müssen mit den Beschäftigten selbst strategiebildend tätig werden.

Vorausschauende Unternehmenspolitik wird im Zuge der Digitalisierung mehr als zuvor ein Erfordernis der betrieblichen Interessenvertretung – ohne jedoch über die entsprechenden Mitbestimmungsrechte zu verfügen und teilweise auch ohne Zugriff auf die schwach gewerkschaftlich organisierten und der Betriebsratsarbeit eher fern stehenden Expertenabteilungen. Interessenpolitik steht hier letztlich auch vor einem Kulturwandel.

Die Beschäftigtenentwicklung in den nächsten zwei bis vier Jahren wird unterschiedlich eingeschätzt. In den Betrieben, in denen die Betriebsräte eine negative Beschäftigungsperspektive haben, sind 706.000 Menschen beschäftigt, in Betrieben mit erwarteter zunehmender Beschäftigung 333.000. Daraus ergibt sich das Gesamtbild eines negativen Beschäftigungstrends. Ein Drittel der Betriebsräte erwartet, dass der Personalbestand in ihrem Unternehmen mittelfristig schrumpfen wird. Negativ betroffene Tätigkeitsbereiche sind Fertigung und Montage, Administration und interne Logistik sowie technische Kundenbetreuung – dort ist die Austauschbarkeit von Arbeit im Prozess der Digitalisierung am größten. Für Forschung und Entwicklung, IT und Softwareentwicklung erwarten die Betriebsräte hingegen neue Beschäftigungsbedarfe.

In der Auto- und Zuliefererindustrie wird die Entwicklung skeptisch gesehen. So rechnen 54% der Betriebsräte (336.000 Beschäftigte) in der Auto- und Zuliefererindustrie mit einer sinkenden Zahl von Arbeitsplätzen, eine positive Entwicklung erwarten dort nur 8% der Betriebsräte (53.000 Beschäftigte). Noch negativer sind die Einschätzung in der Metallerzeugung und -bearbeitung (Stahl-/Aluminiumindustrie, Gießereien, Schmieden). Im Maschinenbau und in der Elektrotechnik halten sich die negativen und positiven Einschätzungen in etwa die Waage.

Der drohende Beschäftigungsabbau dürfte sich nach Regionen und Branchen unterscheiden und in Betrieben mit mehr als 1.000 Beschäftigten am größten ausfallen. Deshalb machen sich die IG Metaller*innen große Sorgen, welche Entwicklung die kleinen und mittelständischen Zulieferer-Betriebe nehmen, die Komponenten für Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotoren fertigen. Ein Batterieantrieb ist nun mal technologisch wesentlich weniger komplex als ein Verbrennungsmotor, weshalb er mit deutlich weniger Personal hergestellt werden kann. Die Transformation kann insbesondere für Zulieferer, die über wenig Kapital und keine tragfähigen neuen Geschäftsmodelle verfügen, existenzgefährdend werden.

Unklar sind die Folgen der Digitalisierung hinsichtlich der Arbeitsbelastungen. 46% der befragten Betriebsräte sehen die Chance, dass die Belastungen sinken könnten. Hier sollte genauer hingeschaut werden; aus dem bisher veröffentlichten Material des Transformationsatlas sind die Gründe unklar: Entfallen belastende Tätigkeiten unter Umständen durch Automatisierung? Gleichzeitig fürchten 78% der Betriebsräte jedoch, dass die Digitalisierung neue Arbeitsbelastungen für die Beschäftigten bringen wird. Beide Befunde passen nicht recht zueinander.

Hinzu kommt, dass gesetzliche Vorgaben offenkundig in erheblichem Umfang nicht oder nur lückenhaft Anwendung finden. In nur 38% der Betriebe finden ausreichende Gefährdungsbeurteilungen statt, und in noch weniger Betrieben (28%) wird auf eine menschengerechte Gestaltung der Arbeitsplätze im Zuge der Digitalisierung der Arbeit geachtet. Das wenige bislang aus der Befragung präsentierte Material zu belastenden Arbeits- und Leistungsbedingungen weist somit bereits darauf hin, wie notwendig neue Humanisierungsinitiativen der betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessenvertretung sind. Arbeitspolitik sollte einen hohen Stellenwert im Prozess der digitalen Transformation haben.

In erster Linie sind es die Arbeitgeber, die über die Entscheidungsrechte und Mittel zur Bewältigung des digitalen Wandels verfügen. Dementsprechend streben IG Metall und Betriebsräte den Abschluss von Vereinbarungen über mittel- und langfristige Investitionen in neue Produkte, Standortsicherung, Kündigungsschutz und Personalentwicklung an. Voraussetzung ist, dass die Arbeitgeber ihre Strategien zur Bewältigung der Transformation offenlegen, eine vorausschauende Personalplanung und betriebliche Qualifizierung betreiben. Dazu sind mehr Mitbestimmungsrechte für Betriebsräte erforderlich, um eine verbindliche Personal- und Qualifizierungsplanung einfordern zu können. An der Gestaltung der betrieblichen Veränderungsprozesse müssen die Beschäftigten beteiligt werden.

Mantrahaft fordert der Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall, Oliver Zander, die Gewerkschaft »in den kommenden Lohnrunden zur Zurückhaltung« auf. Um in neue Produkte, Geschäftsmodelle oder die Beschäftigten investieren zu können, müssten die Unternehmen von Kosten entlastet werden. Dieser Linie folgend lehnt der Verband der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie eine Ausweitung der Mitbestimmung strikt ab. Dessen Hauptgeschäftsführer, Bertram Brossardt, wirft der IG Metall vor, diese gefährde mit ihrer Unterstützung »überdimensionierter« Klimaziele die Automobilindustrie.

Dagegen fordert die IG Metall, dass die Bundesregierung den Wandel mit unterstützenden arbeitsmarktpolitischen Instrumenten begleitet. Dazu gehört aus gewerkschaftlicher Sicht die Eindämmung prekärer Jobs wie Leiharbeit, Werkverträge oder Befristungen sowie eine längere Bezugsdauer beim Arbeitslosengeld I. Zudem müssten die Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte um ein Initiativrecht zur Weiterbildung ergänzt werden.

Da es deutliche Hinweise darauf gebe, dass es in einer Reihe von Betrieben für eine eher längere als kürzere Übergangszeit große betriebliche Umbauprozesse geben wird, die mit erheblichen Produktionseinbrüchen einhergehen werden, fordert die IG Metall die Einführung eines neuen Kurzarbeitergeldes, das Transformations-KuG, das helfen soll, Brücken zu bauen, statt Beschäftigte zu entlassen: »Brücken bestehend aus Zeit und Qualifizierung«.

Das Transformations-KuG soll Kurzarbeit und Qualifizierung bei Erhalt des Beschäftigungsverhältnisses verbinden und damit für größere Gruppen die Voraussetzung schaffen, Beschäftigung zu sichern und durch die Verknüpfung mit Qualifizierung die Voraussetzungen für eine Weiterbeschäftigung nach dem betrieblichen Transformationsprozess ermöglichen.

Von der Politik verlangt die Gewerkschaft einen verlässlichen Rahmen für die Energie- und Mobilitätswende. Für Regionen, die aufgrund ihrer Abhängigkeit von der Automobilindustrie vom Strukturwandel besonders betroffen sind, fordert die IG Metall Konzepte für eine aktive Industrie- und Strukturpolitik. Um drohende »industrielle Wüsten« zu verhindern, müssten Strukturfonds wie Mittelstands- und/oder regionale Beteiligungsfonds aufgelegt werden.

Da im Mittelstand die Kapitaldecke häufig ziemlich dünn ist, falle es diesem schwer, den Umbau allein aus eigener Kraft zu stemmen. Diese Fonds sollen »Geldsammelstellen für geduldiges Kapital« sein. »Wenn der Staat oder die Staatsbank KfW die ersten Prozentpunkte an Risiken übernimmt, wird die Finanzierung einfacher. Dann kann das über die Verzinsung auch für Investoren interessant werden«, skizzierte Jörg Hofmann die Idee. Mit diesen Überlegungen müsse jetzt begonnen werden, sonst sei es zu spät. Stillstand war noch nie eine Option.

Artikel von Otto König, ehemaliger 1. Bevollmächtigter der IG Metall (Hattingen) und Richard Detje, Redakteur der Zeitschrift Sozialismus (Hamburg)

Foto: 50.000 IG Metaller*innen demonstrieren vor dem Brandenburger Tor für #fairwandel – Thomas Range

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