„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung“

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Vor 75 Jahren: Der Schwur von Buchenwald

Denkmal „Schwur von Buchenwald“ - Foto: privat

April 1945 – am Ende des Zweiten Weltkrieges stand die deutsche Bevölkerung vor einem Trümmerhaufen. Trümmer, Chaos, Hunger und Wohnungsnot bestimmten das Bild in den Städten auch im Ruhrgebiet. Die industrielle Produktion war zusammen gebrochen. Das war das Ergebnis der Barbarei der Nationalsozialisten, die gegen die europäischen Nachbarn Vernichtungsfeldzüge führten. Dabei verloren rund 55 Millionen Menschen ihr Leben.

Die nationalsozialistische „Blut und Boden“-Ideologie lieferte Adolf Hitler und seinen Vasallen die verbrecherische Begründung für die Vernichtung des jüdischen Volkes. Den Demokraten raubten die Nazis die Freiheit. Sie verboten die politischen und gewerkschaftlichen Vereinigungen der Arbeiterbewegung in Deutsch-land, besetzten am 2. Mai 1933 die Gewerkschaftshäuser, verurteilten ihre Führungspersönlichkeiten zu Zuchthausstrafen und deportierten sie in Konzentrationslager (KZ).

Die Bombenhagel, die auch die Städte im Ennepe-Ruhr-Kreis und Wuppertal in Schutt und Asche legten, beendeten im Frühjahr 1945 militärisch die Naziherrschaft. Der Krieg schlug mit voller Härte auf jenes Hitler-Deutschland zurück, das ihn entfesselt hatte. Der April 1945 markiert die Schlussphase des Zweiten Weltkrieges, in der das „Tausendjährige Reich“ der Nationalsozialisten endgültig militärisch besiegt, in der die Häftlinge der Arbeits- und Vernichtungslager von US-amerikanischen und britischen Truppen sowie der Roten Armee befreit wurden.

Am 11. April erreichten US-amerikanische Truppen Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar, wo sie auf bewaffnete Häftlinge trafen, die zuvor das KZ befreit und 220 Nazi-Schwergen gefangen genommen hatten. Schon ein Tag danach fand der erste Freiheitsappell im Lager statt, in dem zwischen Juli 1937 und April 1945 die Nazis eine Viertelmillion Menschen gefangen gehalten und rund 55.000 ermordet haben. Beschönigend als „Arbeitslager“ bezeichnet war Buchenwald eine Mordfabrik, in der sich die Faschisten ihrer Gegner – Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter – entledigten, nicht ohne sie vorher für den faschistischen Kriegswahn und Rüstungsprofite bis auf den letzten Blutstropfen auszubeuten.

Vier Tage später, am 15. April, befreiten britische Truppen das Konzentrationslager Bergen-Belsen am Rande der Lüneburger Heide. Von insgesamt 120 000 Häftlingen aus fast allen Ländern Europas starben hier mehr als 52 000 Männer, Frauen und Kinder. Unter ihnen war Anne Frank, die der Welt ihr Tagebuch über das Grauen der Judenverfolgung aus Sicht eines jungen Mädchens hinterließ. In dem Lager wurden von den Briten etwa 10.000 Tote gefunden. Die Schreckensbilder gingen um die Welt.  „Nur wer damals hier in Belsen war, kann wirklich wissen, wovon wir Überlebenden reden. Nichts als Leichen, Leichen, Leichen“, so die 95-jährige Überlebende und Zeitzeugin Anita Lasker-Wallfisch.

Am 29. April erreichten die US-Amerikaner das Konzentrationslager Dachau im gleichnamigen oberbayerischen Landkreis und fanden dort außer den Überlebenden einen Todeszug aus Buchenwald. In den Güterwagen lagen Hunderten tote Häftlinge, mehr als 2.300 Menschen, die man einfach verhungern ließ. Dachau war das erste deutsche Konzentrationslager und Ausbildungsort für SS-Wachmannschaften und SS-Führungspersonal, die in anderen Vernichtungslagern eingesetzt wurden. Hier begann 1934 der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß seine „verbrecherische Karriere der Gewalt“. Im Lager waren von 1933 bis 1945 mehr als 200 000 Menschen eingesperrt, 41 500 von ihnen wurden ermordet, verhungerten oder starben an Krankheiten.

Schon am 27. Januar 1945, erreichten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz und beendeten das Martyrium für die Überlebenden. Mindestens 1,3 Millionen Menschen aus mehr als 30 verschiedenen Nationen wurden nach Auschwitz deportiert. Das KZ steht heute weltweit als Synonym für den industriellen Massenmord an Menschen, die systematische Tötung von Häftlingen mit Giftgas Zyklon B. Im KZ wurde mehr als eine Million Menschen getötet, weil sie Juden, Sinti und Roma oder Slawen, sowjetische Kriegsgefangene bzw. politische Gegner waren.

Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Maidanek, Mauthausen, Oranienburg, Ravensbrück, Sachsenhausen, Treblinka – diese Namen stehen stellvertretend für das menschenverachtende und mordende System der Nationalsozialisten. Ein System, das einen ganzen Kontinent mit Krieg und Terror überzogen hat, das über 50 Millionen Menschen das Leben kostete. Ein System das der AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alexander Gauland, als ein „Vogelschiss“ in tausend Jahren „erfolgreicher“ deutscher Geschichte verharmloste.

Das ist nicht nur widerlich, sondern auch gefährlich, denn dieser Spruch und Björn Höckes geforderte „180-Grad-Wende“ in der Geschichtspolitik, zielen darauf ab, das Prinzip der Gleichwertigkeit aller Menschen anzugreifen und damit menschenfeindliche Politik und menschenfeindliche Äußerungen zu legitimieren. Das nationalsozialistische Terrorregime ist und bleibt der Inbegriff der Menschenfeindlichkeit. Die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 ist und bleibt der Beleg dafür, wohin es im Extremfall führt, wenn man Menschen in solche von Wert und solche mit geringerem oder ohne Wert einteilt, wenn Rechtsradikalen nicht rechtzeitig das Handwerk gelegt wird.

Angesichts der Kontaktsperre in Folge der Corona-Pandemie fallen in diesem Jahr die Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag zur „Befreiung der Konzentrationslager“ und der „Befreiung vom Faschismus“ aus. Gerade deshalb ist es notwendig, medial und über soziale Netzwerke an den „Schwur von Buchenwald“ zu erinnern, den die befreiten Häftlinge auf dem Ettersberg am 19. April 1945 beim Totengedenken formulierten: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

Dieser Schwur der Überlebenden muss auch heute für alle demokratischen Kräfte und Gewerkschafter*innen Orientierung, ja, Richtschnur für antifaschistisches Handeln über politische, weltanschauliche und religiöse Grenzen hinweg sein. Gerade mit Blick auf den 8. Mai – den Tag der „Befreiung vom Faschismus – dürfen wir Gewerkschafter*innen den Rechten der AfD und ihrer autoritären Ideologie weder in der Gesellschaft noch im Betrieb das Feld überlassen. Gegen Rassismus und Faschismus Stellung zu nehmen und die AfD wo immer möglich in die Schranken zu weisen, bleibt gerade n diesen geschichtsträchtigen Tagen das Gebot der Stunde.

Autor: Otto König

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