DMV – die Anfänge im Ennepe-Ruhr-Kreis

DMV – die Anfänge im Ennepe-Ruhr-Kreis

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1702

125 Jahre IG Metall – Teil 2

Das märkisch- westfälische Industriegebiet südlich der Ruhr – von Hattingen bis Hagen zählte in der Frühindustrialisierung zu den bedeutenden Industrieregionen Deutschlands. So begann beispielsweise mit der Ansiedlung kleiner Fabriken und Manufakturen die Entwicklung von Milspe im 18. Jahrhundert – bis zum Zusammenschluss mit Voerde zur Stadt Ennepetal im Jahr 1937 selbstständig. Zur traditionellen Kleineisenindustrie kam in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts die Breitewarenindustrie hinzu.

Eisen- und Metallindustrie prägen die Region

Im Landkreis Schwelm bzw. dem späteren Ennepe-Ruhr-Kreis, der durch die Gebietsreform 1929 entstand, zu dem dann auch Hasslinghausen, Niedersprockhövel, Hattingen und Welper gehörten, dominierte die Eisen- und Metallindustrie. Carl Daniel Peddinghaus gründete im Jahr 1839 die heutige Schmiede Bharat Forge CDP. In Gevelsberg entwickelte sich die von Wilhelm Krefft 1842 errichtete Schlossereiwerkstatt zur Herd- und Ofenfabrik und in Altenvoerde legte August Bilstein 1873 den Grundstein für eine Produktion von Fensterbeschlägen. Paul F. Peddinghaus hatte 1903 ihren Ursprung in einer kleinen Gesenkschmiede in Gevelsberg.

Im Nordkreis wurde 1855 auf der Henrichshütte in Hattingen der erste Hochofen angeblasen. Ende des 19.Jahrhunderts kam es zur Gründung der Abteilung Hattingen der Vereinigten Flanschen-Fabriken & Stanzwerke AG Bezirk Leipzig – später Mönninghoff – in der Ruhrstadt. In der 1908 in Voerde gegründeten Firma Dörken & Mankel KG – heute dorma + kaba – wurden Pendeltürbänder und gefräste Schrauben produziert. In Sprockhövel, der „Wiege des Ruhrbergbaus“, gründete sich 1908 der Bergbauzulieferer Märkische Bohrmaschinen Fabrik Gebr. Hausherr, der später in Hauhinco umbenannt wurde.

Diese typische industrielle Struktur war im EN-Kreis dominierend. Die Betriebe benötigten hochqualifizierte und gut ausgebildete Facharbeiter und Handwerker. In der Arbeiterillustrierten Nr 2/1932 hieß es: „Im westlichen Westfalen, in den Flusstälern der Volme und Ennepe liegen die jüngsten Industriestädte Rheinland-Westfalens: Hagen, Haspe, Schwelm und Gevelsberg. In den engen Tälern an der Eingangspforte des Sauerlandes wohnen etwa 300.000 Menschen zusammen. Die Männer zum größten Teil Walzer, Schlosser, Dreher, Nieter, Former.“

Kampf gegen den eisernen Arbeiter

Die frühe Mechanisierung und die Entstehung der Fabriksysteme sowie die damit verbundenen Arbeitsplatzunsicherheiten wurden zu einem Konfliktstoff zwischen Arbeitern und Unternehmern. Im Jahr 1847 kam es zu einem Maschinensturm – einem „Kampf gegen den eisernen Arbeiter“ – in Voerde. Schmiedearbeiter marschierten zu einer kleinen Werkstatt und zerstörten dort die mechanischen Pressen, warfen die Trümmer in einen Teich und zogen wieder ab.

Das entstehende Proletariat begann sich langsam zu organisieren. Dass dies zu Beginn so mühsam war, lag u.a. daran, dass Deutschland in dieser Zeit zweimal von weltweiten Krisen erschüttert wurde. Die herrschende Klasse wälzte die Krisenlast auf das arbeitende Volk ab. Löhne wurden drastisch gekürzt und blieben jahrelang auf niedrigem Niveau.  Für die Unternehmer war die Unterdrückung der sich gerade herausbildenden Arbeiterbewegung eine Voraussetzung der Krisenbewältigung, um Billigexporte auf die ausländischen Märkte werfen zu können.

Flankenschutz lieferte das Kaiserreich mit dem „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“. Gewerkschaften und SPD wurden verboten. Nach dem Fall der Bismarck’schen  „Sozialistengesetze“ riefen Vertrauensmänner der Metallarbeiter zu einem Treffen aller Gewerkschaftsverbände in Frankfurt am Main auf. Hier gründeten sie vom 1. bis 6. Juni 1891 den Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV).

Entwicklung des DMV im Ennepe-Ruhr-Kreis

Der Alltag der Arbeiterfamilien in der hiesigen Region war hart und entbehrungsreich, der Lohn kärglich.  Die Arbeit an den Pressen, Stanzen, Scheren und Walzen in den Metallbetrieben gefährlich. Nicht selten kam es, so der DMV in seinen Geschäftsberichten, zu schwerwiegenden Arbeitsunfällen. Die wöchentliche Arbeitszeit betrug 60 Stunden und mehr. Samstagarbeit war Pflicht.

Trotz der bestehenden Schwierigkeiten die Arbeiter in der Gewerkschaft zu organisieren, kam es immer wieder zu Arbeitskämpfen als Reaktion auf die Unternehmer, die die Krisenerscheinungen zu Beginn des 20.Jahrhunderts mit Lohndrückerei in den Griff bekommen wollten. Als Antwort auf die stärker werdende Gewerkschaftsbewegung schlossen sich 1904 Unternehmen im bergischen und märkischen Kreis als „Arbeitgeberverein für die Kreise Hagen und Schwelm“ zusammen.

Der als „Antistreikverein“ gegründete Arbeitgeberverband hatte zum Ziel in Arbeitskämpfen dem DMV  entgegen zu treten und die bestreikten Betriebe durch Aussperrung der Arbeiter „zu schützen“. Dies geschah zum ersten Mal 1910: Mitte März eskalierte ein zunächst auf Gevelsberg begrenzter Lohnkonflikt, an dem ursprünglich nur 24 Former der Gießerei Dieckerhoff beteiligt waren. Sie forderten bis zu sechs Prozent mehr Lohn. Sie wurden vom DMV-Geschäftsführer Hermann Müller unterstützt. Durch die Intervention des Arbeitgeberverbandes weitete sich der Streik aus, so dass im Sommer 1910 rund 20.000 Arbeiter im Raum Hagen-Schwelm ausgesperrt waren.

Möglicherweise war an dieser Auseinandersetzung auch der 1883 in Gevelsberg geborene und spätere Former Walther Oettinghaus beteiligt,  der sich 1902 im DMV organisierte und seit 1905 ehrenamtlich und ab Oktober 1910 hauptamtlich beim DMV in Milspe tätig war. Später wurde er hauptamtlicher Sekretär in der DMV Verwaltungsstelle Gevelsberg an der Hagener Straße 2 und ab 1920 Nachfolger von Hermann Müller als Bevollmächtigter. (1) In dieser Zeit hieß es: Es muss alles getan werden, um auch den letzten Mann dem Verband zuzuführen. Nur so kann an die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse herangegangen werden.

Im gleichen Jahr wählten die Metaller und Stahlarbeiter im Nordkreis den Metallarbeiter Wilhelm Warnecke zum Bevollmächtigten der DMV Verwaltungsstelle Hattingen mit Sitz in der Heggerstrasse 72. Hattingen zuvor eine Zahlstelle der  DMV Verwaltungsstelle Bochum wurde 1920 eine eigenständige Verwaltungsstelle. Die Bevollmächtigten waren verantwortlich für die Kasse, betreuten die Betriebe und führten Gewerkschaftsveranstaltungen durch.

Zu den bedeutsameren Entwicklungen der Gewerkschaftsbewegung im EN-Kreis gehörte der Abschluss von Tarifverträgen. Einer der ersten datierte vom 1.04.1920 und betraf die „Arbeits- und Lohntarife der Märkischen Eisen- und Metallindustrie“.

Weimarer Republik: Kampf für die republikanische Demokratie…….

Durch die Niederlage des deutschen Kaiserreiches im 1. Weltkrieg und als Folge der Novemberrevolution 1919 wurden Gewerkschaften – wie der Deutsche Metallarbeiter-Verband – anerkannte Akteure bei der Gestaltung der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung.

Mit der politischen Anerkennung der Gewerkschaften ging aber auch die Anfeindung durch die Arbeitgeber – und  Wirtschaftsverbände gegen sie einher. Massive Aussperrungen, Zwangsschlichtungen und deren Ablehnung durch die „Eisenbarone“ im Ruhrgebiet kennzeichnen die Phase der Weimarer Republik.

Gleichzeitig musste die Arbeiterbewegung die junge Demokratie verteidigen. Am 13. März 1920 putschten Reichswehrsoldaten in Berlin, besetzten das Regierungsviertel und setzten die rechtsradikale Regierung Kapp-Lüttwitz ein. Insbesondre im rheinisch-westfälischen Industriegebiet entwickelte sich schnell eine von Gewerkschaften und linken Parteien getragene Bewegung gegen die Freikorps- und Reichswehrsoldaten.

Es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Putschtruppen und Trupps von Arbeitern. Der Kriegsgegner Oettinghaus, der 1917 von der SPD zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) gewechselt war, engagierte sich während des Kappputsches als Mitglied der politischen Leitung der Roten Ruhrarmee. Im Juni des gleichen Jahres wurde der DMV-Bevollmächtigte für den Wahlkreis Westfalen-Süd für die USPD in den Reichstag in Berlin gewählt, dem er bis zum Mai 1924 angehörte. Von 1930 bis 1933 vertrat er nach seinem Parteiwechsel die KPD als Reichstagsabgeordneter.

……… und gegen Unternehmerwillkür.

Die mit der Revolution 1918/19 erzielten Verbesserungen bei den Löhnen, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen für die Metallarbeiter gingen während der Weimarer Republik teilweise wieder verloren. Infolge der zunehmenden Inflation und der Verelendung breiter Volksschichten ab Ende 1921 gerieten die Gewerkschaften in die Defensive. Die Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände nutzten die politische Situation, um Gegenangriffe auf die erkämpften Rechte wie den „Acht-Stunden-Tag“ zu starten.

Wenige Tage vor Weihnachten 1923 kündigte z.B. der Märkische Arbeitgeberverband unter Umgehung der gesetzlichen Bestimmungen an, die Arbeitszeit verlängern und die Löhne massiv kürzen zu wollen. Besonders rabiat war die Vorgehensweise im Zusammenhang mit der Lohnkürzung. Die Mitglieder des Verbandes wurden per Schreiben aufgefordert, allen Arbeitern zum 04.01.1024 zu kündigen. Wer danach von den Betroffenen zu den neu festgesetzten, geringeren Löhnen weiter arbeiten wollte, sollte sich schriftlich bei seinem Arbeitgeber melden.

Der daraufhin vom DMV ausgerufene Arbeitskampf dauerte bis Ende Februar 1924. Er wurde von Demonstrationen und Solidaritätsaktionen in den betroffenen Orten und Städten begleitet. Die Streikaktionen wurden durch eine Zwangsschlichtung beendet.

„Ruhreisenstreik“ 1928/29

Bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges war die Einrichtung von freiwilligen Schlichtungsstellen alleinige Angelegenheit der Tarifparteien. Vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl von Tarifabschlüssen seit 1918, die mit Streiks verbunden waren, erließ die Reichsregierung 1923 zur Eindämmung der Arbeitskämpfe eine Schlichtungsverordnung, die dem Staat eine unbegrenzte Einflussnahme einräumte. Im Regelfall wurden die Schlichtersprüche von beiden Tarifparteien akzeptiert.

Dies änderte sich mit dem Ruhreisenstreik von 1928/1929 schlagartig. In der Eisen- und Stahlindustrie kündigten der DMV, die liberalen und christlichen Metallarbeitergewerkschaften den Lohntarifvertrag zum 31. Oktober 1928, um eine Lohnerhöhung von 15 Pfennigen pro Stunde für alle Beschäftigten über 21 Jahre durchzusetzen. Der Ruhreisenstreik wurde zunächst durch einen verbindlichen Schiedsspruch beigelegt, den die Stahlarbeitgeber jedoch nicht akzeptierten. Daraufhin sperrten die Stahlbarone rund 200.000 Beschäftigte aus, darunter auch die Beschäftigten der Hattinger Henrichshütte, und klagten erfolgreich vor Gericht gegen den Schlichterspruch.

Spaltung der Arbeiterbewegung

Leider standen die Gewerkschaften in der Endphase der Weimarer Republik nicht so geschlossen dar, wie es notwendig gewesen wäre, um den zunehmenden Unternehmerangriffen  und der politischen Rechtsentwicklung wirksam entgegen treten zu können  Zu einem war die Gewerkschaftsbewegung aufgespalten in freie sozialistische und christliche Gewerkschaften sowie in liberale Hirsch-dunkersche Gewerkvereine und zum anderen rangen in den freien Gewerkschaften wie dem DMV die sozialdemokratischen und kommunistischen Metaller um Mehrheiten und die politische Ausrichtungen.

In vielen Gewerkschaftsveranstaltungen warb Walter Oettinghaus in dieser Zeit für die Einheit in der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung mit den Argumenten:

>Unsere Gegner sind der Märkische Arbeitgeberverband bzw. das Unternehmertum.

>Die kapitalistische Wirtschaftsordnung führt zu Krieg und Elend.

>Starke Gewerkschaften können die Verelendung mit stoppen.

>Nur eine einheitliche Arbeiterbewegung kann gestärkt in Arbeitskämpfe eintreten.

>Die Selbstzerfleischung der Arbeiterbewegung ist kontraproduktiv und schädlich.

Doch die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung beherzigte nicht die Erkenntnis von August Bebel „Ihr habt die Macht in den Händen, wenn ihr nur einig seid“ und wurde deshalb 1933 von den Reaktionären und Rechten getrennt geschlagen.

(1) Vgl. Uwe Schlehdorn, „Der Reichstagsabgeordnete und Metallgewerkschafter Walter Oettinghaus“, schriftliche Hausarbeit, Uni Bochum 1990

Foto: Mönninghoff-Songgruppe bei einem Auftritt 1996 – Foto: IGM GH-Archiv