Eine Kämpferin geht in den „Unruhe“stand

Eine Kämpferin geht in den „Unruhe“stand

Tina Flügge - ehemalige Betriebsratsvorsitzende IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel

Nach 41 Jahren sagt Tina Flügge „Tschüss“. Vier Jahrzehnte arbeitete sie als Verwaltungsangestellte im „alten Bildungszentrum“ sowie in der „neuen Bildungsstätte“ der IG Metall in Sprockhövel. „Am Abend vor meiner Arbeitsaufnahme am 1. Mai 1978 hat im großen Saal eine Solidaritätsveranstaltung für die Arbeitnehmer der Erwitter Firma Seibel & Söhne stattgefunden, die ‘ihr‘ Zementwerk besetzt hatten,“ erinnert sich Tina. Sechs Jahre später sollte sie selbst Aktivistin bei einer Betriebsbesetzung in Hattingen sein.

Dass Tina ihre Arbeitsstelle im IG Metall Bildungszentrum angetreten hat, dazu hat letztlich der damalige Geschäftsführer der Westfälischen Lokomotivfabrik Karl Reuschling KG in Hattingen beigetragen. Die gebürtige Berlinerin hat bei der Lokomotivfabrik im August 1974 ihre Ausbildung zur Industriekauffrau begonnen. Tina wurde nicht nur Mitglied in der Metall, sondern engagierte sich auch im Arbeitskreis Lehrlinge (AKL), der sich die Verbesserung der Lehrlinge zum Ziel gemacht hatte und später im Ortsjugendausschuss. Die Teilnahme an den Wochenendseminaren „Jugendfunktionäre I“, und die dort geführten Diskussionen mit Kolleg*innen aus den anderen Betrieben ist nicht folgenlos geblieben. Zurück im Betrieb kandidierte die junge IG Metallerin bei der Jugendvertreterwahl. Nach ihrer Wahl führte sie die „erste Jugendversammlung in der Geschichte des Betriebes“ durch. Geschäftsführer Rolf Reuschling verstand die Welt nicht mehr.

Prompt wurde ihr nach bestandener Prüfung mitgeteilt, dass sie nicht übernommen werde. Gemäß dem neuen Paragrafen 78a im Betriebsverfassungsgesetz hätte die Jugendvertreterin Kündigungsschutz gehabt, doch Rolf Reuschling mobbte sie und ließ provozierend auf der Büroetage fragen: Wer will stattdessen gehen? Als ihre Freundin als Kündigungsopfer ausgewählt wurde, warf Tina das Handtuch. Nach einem Jahr der Arbeitslosigkeit und einer vorübergehenden Tätigkeit bei der ehemaligen Fensterbaufirma Auroflex auf dem Zechengelände Alte Haase in Sprockhövel, begann Tina Flügge ihre Tätigkeit im IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel.

Man muss sich selbst auf den Weg machen!

„Man muss sich selbst auf den Weg machen,“ sagte sie vor Jahren in einem Gespräch mit mir. Ja, das hat sie: Tina hat sich nicht einschüchtern lassen, sondern setzte ungebrochen ihr Engagement in der gewerkschaftlichen Jugendarbeit fort, setzte sich für die Interessen der Jugendlichen ein, teamte in Jugendseminaren, leitete die Redaktion des Info-Blattes “TATSACHE“ der IG Metall-Jugend und übernahm den Vorsitz des Ortsjugendausschusses.

Dieser Arbeit blieb sie verhaftet: Jahre später wählten sie die Beschäftigten der Bildungsstätte in den Betriebsrat, dessen Vorsitz sie von 2008 bis 2018 übernahm. Gemeinsam mit ihren Betriebsratskollegen hatte sie vor allem Einfluss auf die Gestaltung auf die Arbeitsbedingungen in der neugebauten Bildungsstätte genommen. Zu ihren Erfahrungen zählt, dass auch in einer gewerkschaftlichen Einrichtung viele Probleme angepackt und gemeinsam gelöst werden müssen.

Die Mitglieder der Delegiertenversammlung, der sie seit längerer Zeit angehört, wählten sie 2010 in den Ortsvorstand der IG Metall Gevelsberg-Hattingen. „Es war für mich und meine Kolleginnen und Kollegen im Bildungszentrum immer sehr wichtig, dass ich in die gewerkschaftliche Arbeit unserer Geschäftsstelle eingebunden war,“ sagt Tina. Schließlich „profitierte“ auch ihre Metall von ihren Aktivitäten zur Organisierung des Kulturprogramms für die Seminarteilnehmer*innen. In diesem Rahmen gestaltete sie beispielsweise zusammen mit den Hauptamtlichen der Geschäftsstelle und dem Frauenausschuss, die jährlich in der Bildungsstätte stattfindende „Veranstaltung zum Internationalen Frauentag“ mit.

„Nur durch Solidarität aus unsrer Angst auch Mut entsteht“.

Wie wichtig für arbeitende Menschen die Solidarität ist, und die Unterstützung der Gewerkschaft, hat Tina Flügge nicht nur an ihrem eigenen Beispiel bei Reuschling erfahren, sondern auch 1983/84 an der Seite ihres damaligen Mannes Karl-Heinz, der sehr früh verstorben ist, und mit seinen Kolleginnen und Kollegen gegen die willkürliche Schließung der Flanschenfabrik Mönninghoff in der Ruhrstadt Hattingen kämpfte. „Unsere Männer brauchten Unterstützung.“ Seit Ende Januar 1984 hielten sie den Betrieb besetzt. Sie kämpften für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze – die Existenzgrundlage ihrer Familien.

„120 Frauen gründeten im Februar die Fraueninitiative Mönninghoff,“ schilderte Tina Flügge, damals, eine der Sprecherinnen, erst vor wenigen Tagen in einem Wochenendseminar zum Thema „Mit Film Geschichte entdecken: „Der Konsul ist schon lange tot“. In der „Woche der Unruhe“ im Februar 1984 seien die Frauen mit ihren Kindern vor die WestLB in Düsseldorf gezogen und hätten den Bankern 791 Pfennig übergeben – je Arbeitsplatz einen Pfennig – als Startkapital für die Auffanggesellschaft – das „Hattinger Modell“. „Man darf sich nicht allein auf Politiker und Experten verlassen. Man muss selbst mit anderen aktiv werden, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen,“ erklärte Tina im LWL Industriemuseum Henrichshütte. Ihr damaliges Handeln sei geprägt gewesen durch die Botschaft des Liedes der Mönninghoff-Sonngruppe: „Nur durch Solidarität aus unsrer Angst auch Mut entsteht.“

Tina Flügge und ihre Tochter Maike – Foto: IGM GH

Nach der Verabschiedung auf nach „Berlin!“

Sehr positiv habe sie in Erinnerung, dass die Beschäftigen und die Seminar-Teilenehmer*innen in den 1980er und 1990er-Jahren aber auch bis in die heutige Zeit immer an der Seite, der um ihre Arbeitsplätze kämpfenden Arbeitnehmer*innen in der Region gestanden haben. Nun wurde Tina von ihren Arbeitskolleg*innen – darunter der ausscheidende Schulleiter Fritz Janitz und der neue Schulleiter Richard Rohnert – verabschiedet. Mit dabei ihre Tochter Maike und ihr Lebensgefährte Peter Borchers. In die Reihe derjenigen, die ihr für ihr Engagement dankten, reihten sich auch die IG Metall-Bevollmächtigten Clarissa Bader und Mathias Hillbrandt, und nicht zuletzt, der sie im Mönninghoff-Kampf unterstützende ehemalige Hattinger IGM- Bevollmächtigte Otto König ein.

Dass Stillstand für Tina nie eine Option war und ist, zeigt sich daran, dass sie sich schon am Tag darauf mit Gewerkschafter*innen aus der Region auf den Weg nach Berlin macht, um gemeinsam mit über 50.000 IG Metaller*innen vor dem Brandenburger Tor das Zeichen zu setzen: Ohne uns geht es nicht! Wir müssen auf Arbeitgeber und Politik Druck ausüben, denn Ökologie und Soziales müssen verbunden. „Die Welt muss klimafreundlicher und gerechter werden,“ dafür kämpft Tina auch in ihrem „Unruhestand“. Schließlich müssten Die gewaltigen Veränderungen als Folge von Klimawandel, Globalisierung und Digitalisierung im Interesse der Arbeitnehmer*innen gestaltet werden.

Foto: Clarissa Bader, Richard Rohnert, Tina Flügge, Mathias Hillbrandt und der „Zauberer“ Kai Wiedemann (v.l.n.r) Foto: IGM GH

 

 

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