Für den richtigen Weg entschieden

Für den richtigen Weg entschieden

von -
1804

Dirk Jüngling, Betriebsratsvorsitzender Hauhinco Sprockhövel

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Über Jahrzehnte prägten Kohle und Stahl das Ruhrgebiet und den Ennepe-Ruhr-Kreis. Vom Strukturwandel in der Montanindustrie war neben Hattingen vor allem Sprockhövel – die „Wiege des Bergbaus“ – betroffen. Die Bergwerksmaschinenhersteller an der Hauptstraße – Düsterloh, Hauhinco, Turmag und Hausherr – gerieten in den 1980er-Jahren zunehmend unter Anpassungsdruck. Den Beschäftigten drohte Kurzarbeit, wenn nicht gar Entlassungen. „Wir trafen uns im September 1987 mit rund 400 KollegInnen aller Betriebe in der Sprockhöveler Glückauf-Halle auf der IG Metall-Kundgebung“,  erinnert sich der Betriebsratsvorsitzende von Hauhinco, Dirk Jüngling

„Wir wollten den Schulterschluss zwischen den Belegschaften herzustellen.“ Unsere Forderungen lauteten: „Schrittweise Loslösung vom Bergbau durch Produktdiversifizierung und „Qualifizieren statt entlassen.“ Heute könne man feststellen, so Dirk, dass die Entwicklung von Hydraulikventilen für wasserhydraulische Steuerungsanlagen für große Maschinenanlagen wie z.B. für Schmiedepressen und Verformungsgeräte wesentlich zur Stabilisierung der Maschinenfabrik beigetragen habe.

Dirk Jüngling wurde 1959 in Wuppertal geboren. Es war ein Jahr mit weltgeschichtlicher Bedeutung: Angeführt von Fidel Castro und Che Guevara stürzten in Kuba Revolutionäre das korrupte Regime des Diktators Fulgencio Batista. Währenddessen wuchs Dirk in Schee, einem Ortsteil von Sprockhövel auf. In der westfälischen Stadt im niederbergisch-märkischen Hügelland besuchte er auch die Schule. Der eher „ruhige Typ“, wie er sich selbst einschätzt, interessierte sich als Jugendlicher fürs Schwimmen, für Handball und natürlich für Fußball. Letzteres spielte er beim TSG Sprockhövel bis die Verletzungen zunahmen und „die Knochen nicht mehr mitmachten“.

Auf die Frage, wie er, der doch eigentlich nach dem Schulabgang Fernsehtechniker werden wollte, zu Hauhinco kam, antwortet er: Bei seiner Vorstellung beim Fernsehtechniker Baulich in Sprockhövel habe es geheißen, „du kannst anfangen, doch deine langen Haare müssen ab!“ „Damit war für mich entschieden, hier fange ich nicht an.“ Zu Fuß wanderte er die Hauptstraße nach oben, wollte als nächstes zu Düsterloh, doch er fand den Eingang zum Personalbüro nicht. Also weiter. „Dann musste ich mich entscheiden links 100 Meter weiter nach Turmag oder rechts nach Hauhinco“. Er habe sich für den kürzeren und damit instinktiv für den richtigen Weg entschieden: Düsterloh und Turmag wurden später geschlossen.

Auf dem Werkhof traf er den damaligen Betriebsratsvorsitzenden Otto Gräbe. „Komm‘ mal mit“, habe dieser zu ihm gesagt und ihn zum Personalbüro gebracht. So „begann ich 1975 meine dreieinhalbjährige Ausbildung als Maschinenschlosser bei der Maschinenfabrik Hauhinco“, erzählt Dirk. Natürlich nahm ihn der IG Metaller auch gleich in die Gewerkschaft auf. Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung, Ableistung der Bundeswehrzeit kehrte Dirk Jüngling in den Betrieb an der Beisenbruchstraße zurück.

„Es war unser Jugendvertreter Werner Hagedorn, der mich mit zum Ortsjugendausschuß der IG Metall-Jugend Hattingen schleppte“, schildert Dirk seinen Einstieg in die aktive Gewerkschaftsarbeit. In der Firma wählten ihn seine KollegInnen 1979 zum Jugend- und Auszubildendenvertreter. Die Jugendarbeit habe ihm „riesig Spaß gemacht“: „Wir organisierten Konzerte mit hunderten von Jugendlichen, Fußballturniere und demonstrierten Anfang der 1980er-Jahre gegen den Nato-Doppelbeschluss und für Frieden mit Hundertausenden in Bonn“. Und schließlich seien da „die vielen Aktionen unter dem Logo der „lachenden Sonne“ zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche“ gewesen.

Aktive Unterstützung bekamen sie von der örtlichen Gewerkschaftssekretärin Ingrid Vogt. Ihr habe er viel zu verdanken, dazu gehöre „die direkte Hilfe bei der betrieblichen Jugendarbeit“, aber auch seine „gezielte gewerkschaftliche Weiterbildung“. „Obwohl“, meint Dirk schmunzelnd, „mein Einstieg war schon ungewöhnlich.“ Statt in einem Jugendfunktionäre-I-Seminar fand er sich in einem Hotel im Sauerland „zwischen lauter älteren Kollegen in einem Funktionsträger-I-Seminar“ wieder. Doch dann kamen die Aufbauseminare in Sprockhövel, Berlin und nicht zuletzt im oberbayrischen Schliersee. Ausgebildet zum Referenten vermittelte Dirk selbst mit anderen den JAVI’s Grundkenntnisse der Interessenvertretung, dabei hätten sie sich natürlich  „nicht immer sklavisch an den Leitfaden gehalten“, sagt er lachend.

1981 wurde der junge IG Metaller in den Betriebsrat gewählt. Vorsitzender war inzwischen Harald Kriwet, ihm folgte Werner Renz. Zuständig für die Auszubildenden, damals waren es noch dreißig, organisierte Dirk Ausbildungsfahrten, warb die Jugendlichen nicht nur für die Mitgliedschaft in der IG Metall, sondern auch für die aktive Mitarbeit. Es sei ein großer Fehler gewesen, dass Anfang der 1990er Jahre „die Firma die eigene Ausbildung einstellte und eine Ausbildungs-Kooperation mit der Maschinenfabrik Paul Pleiger“ in deren Räume einging. Heute wird im verringerten Umfang bei Hauhinco wieder selbst ausgebildet.

Zu Beginn der Ausbildung von Dirk waren noch rund 300 Beschäftigte auf dem Werksgelände tätig – „doch jede Restrukturierung mit der wir als Betriebsrat in all` den Jahren konfrontiert wurden, hatte immer einen weiteren Personalabbau zu Folge“, erläutert Dirk Jüngling, der 2015 das Amt des Betriebsratsvorsitzenden übernahm. Zwar sei 1996 das zweite Standbein der Firma die Entwicklung von Zugbildungsanlagen, bekannter als Rangierbahnhöfe, durch die Übernahme der Schienenverkehrstechnik Tiefenbach GmbH in Essen verstärkt worden, doch schon fünf Jahre später sei dieses Produktsegment an die PINTSCH BAMAG verkauft worden, was „ein großer Fehler“ gewesen sei, schätzt der Betriebsratsvorsitzende ein.

Im vergangenen Jahr wäre es dem Betriebsrat in den Verhandlungen über einen Interessenausgleich mit Unterstützung von Gewerkschaftssekretärin Jennifer Schmidt zwar gelungen, die „Zahl der geplanten Entlassungen zu reduzieren, doch das ändere nichts an der Tatsache, „dass heute nur noch 84 KollegInnen auf dem Gelände tätig sind“. Und jetzt hätten sie auch noch zwei qualifizierte junge Kollegen ziehen lassen müssen, die im eigenen Betrieb ausgebildet worden sind, da ihre befristeten Arbeitsverträge nicht verlängert wurden. „Unsere konkreten Vorschläge wie sie weiterbeschäftigt werden konnten, stießen beim Geschäftsführer auf taube Ohren.“

Es sind solche die Momente, wo seine beiden Schafe im Garten sich so manches anhören müssen, wenn er nicht beim Joggen oder saunieren bzw. beim Moped fahren seinen Stress abbauen kann. Und fügt Dirk hinzu: „Regenerieren kann ich am besten, wenn ich mit meiner Frau Jutta wandere oder mit ihr auf Reisen unterwegs bin.“

Foto:  Dirk Jüngling mit Birgit Schlag und Dieter Zänger am 1. Mai in Gevelsberg (v.r.n.l.) – Foto: IGM GH-Archiv

 

ÄHNLICHE ARTIKEL

38

44