IG MetallerInnen haben Grund zum Feiern

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125 Jahre IG Metall – Teil 1

in Hattingen: Demonstration Demonstrationszug der IGM mit der Belegschaft von Avery Dennisson und O&K auf dem Untermarkt 18.09.2009 Foto: Walter Fischer WAFI - BILD 01703103431

In einer Karikatur des „Süddeutschen Postillions“ vor über 100 Jahren fragt ein kleines Aristokratenkind seine Mutter „Du Mama. Haben die armen Leute auch Ahnen?“ Ja. Sie haben Ahnen – beispielsweise die selbstbewussten ArbeiterInnen – Schlosser, Maschinenbauer oder Feilenhauer bei den Metallern, Bürstenmacher bei den Holzarbeitern und Heimarbeiterinnen bei den Textilern, die unter schwierigsten Bedingungen fast zeitgleich ihre Gewerkschaft aufgebaut haben und heute – 125 Jahre später – unter dem Dach der IG Metall vereinigt sind.

125 Jahre IG Metall, das heißt 125 Jahre Kampf für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen – um soziale Gerechtigkeit, Kampf um demokratische Beteiligungsrechte in Betrieben und Gesellschaft sowie Eintreten für ein friedliches Zusammenleben der Völker.

Der heutige Sozialstaat in Deutschland  basiert in vielen Punkten auf gewerkschaftlichen Forderungen – wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsanspruch oder geregelte Arbeitszeit, die erst tariflich erkämpft und später Gesetz geworden sind.

Sozialistengesetz

Das Leben der abhängig Beschäftigten zur Zeit der Industrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts war hart und entbehrungsreich. Sechs, manchmal sieben Zwölf-Stunden-Tage pro Woche waren keine Ausnahme. Arbeitsunfälle mit schwerem Gerät waren an der Tagesordnung, zumeist folgte danach der Absturz in die Verarmung. Verhandlungen um bessere Arbeitsbedingungen, wenn sie überhaupt zustande kamen, waren nicht mehr als kollektives Betteln. Die Macht lag klar aufseiten der Arbeitgeber.

Dass dies lange Zeit so blieb, hatte seinen Grund: Deutschland wurde in dieser Phase zweimal von weltweiten Krisen erschüttert. Die herrschende Klasse wälzte die Last der Krise auf das arbeitende Volk ab. Die Löhne wurden drastisch gekürzt und blieben jahrelang auf niedrigem Niveau. Das Ziel war klar: Unterdrückung der sich gerade herausbildenden Arbeiterbewegung als Voraussetzung zur Krisenbewältigung, um Billigexporte auf die ausländischen Märkte werfen zu können. Den Flankenschutz lieferte das im Kaiserreich unter Reichskanzler Bismarck verabschiedete „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“. Gewerkschaften und SPD wurden verboten.

Gründung des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV)

Nach Aufhebung der „Sozialistengesetze“ schlossen sich die verschiedenen Berufsgruppen wie Klempner, Schlosser, Maschinenbauer oder Feilenhauer zu einer Metall-Industriegewerkschaft zusammen. Vom 1. bis 6. Juni 1891 gründeten sie in Frankfurt am Main den Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV) – die Vorläuferorganisation der IG Metall, um gemeinsam für eine bessere Arbeits- und Lebenswelt zu kämpfen. (1) Die Delegierten setzten sie sich auch dafür ein, den Frauen nicht länger die Mitgliedschaft in gewerkschaftlichen Organisationen zu verwehren.

Die Einsicht in die Notwendigkeit des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses, erwuchs aus ihrer Erfahrung, dass die Zusammenfassung aller Kräfte gegen die Unternehmer erfolgversprechender ist, als das weitere zersplitterte Vorgehen oder wie es der Sozialist August Bebel auf den Punkt brachte: „Ihr habt die Macht in den Händen, wenn ihr nur einig seid“. Die neue Gewerkschaftsorganisation wuchs schnell, gab eigene Zeitungen heraus und kümmerte sich um die politische Bildung ihrer Mitglieder. Schon 1919 zählte der DMV mehr als eine halbe Million Mitglieder.

In allen Kämpfen der arbeitenden Menschen gegen ihre Ausbeutung – damals wie heute – stand und steht die Auseinandersetzung um die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, das Ringen um höhere Löhne, die Verkürzung der Arbeitszeit und die Teilhabe an wirtschaftlichen Entscheidungen im Mittelpunkt.

Akteure zur Gestaltung der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung

Erst nach der Niederlage des deutschen Kaiserreiches im 1. Weltkrieg und als Folge der Novemberrevolution  1918 wurden Gewerkschaften anerkannte Akteure zur Gestaltung der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland. Artikel 9 des Grundgesetzes „Vereinigungsfreiheit“, das Streikrecht sowie das Betriebsverfassungsgesetz und das Tarifvertragsgesetz gehen weitestgehend auf die Weimarer Reichsverfassung zurück. So wurde beispielsweise 1920 das Betriebsrätegesetz verabschiedet.

Der freien Gewerkschaftsbewegung waren gerade mal fünfzehn Jahre beschieden, von 1918 bis 1933 – dann wurden sie von den Nazis zerschlagen. Ihre Gewerkschaftshäuser wurden besetzt, ihre Mitglieder und Funktionäre verhaftet, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden bzw. in den Widerstand in den Untergrund getrieben.

Nach dem Ende der Hitler-Barbarei gründeten Frauen und Männer der „ersten Stunde“ die IG Metall als Einheitsgewerkschaft. Die Durchsetzung der Montan-Mitbestimmung, der Kampf für betriebliche Mitbestimmung, der sechszehn-wöchige Streik für Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle in den 1950er Jahren, mehr Geld und kürzere Arbeitszeiten, sowie mehr Urlaub waren die bestimmenden Themen der Politik der IG Metall in dieser Phase.

Mitte der 1960er-Jahre erreicht die IG Metall eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden; 20 Jahre später geht es weiter runter, bis 1995 in den alten Bundesländern die 35-Stunden-Woche endgültig erreicht ist. Per Tarifvertrag steigt die Zahl der tariflichen Urlaubstage von zwölf (1949) auf 20 (1967) und 30 (1982).

Die IG Metall ist heute nicht nur wegen ihrer 2,27 Millionen Mitglieder die „Nummer eins“ der deutschen Gewerkschaften. „Mit den Hochburgen des Exportsektors hat sie Bastionen tariflicher Regelungen“, sagt der Soziologe Klaus Dörre von der Universität Jena. Sie habe im Unterschied zu anderen Gewerkschaften schnell gelernt, neue Formen der Mitgliedergewinnung zu erproben und dabei beträchtliche Erfolge erzielt. Gewachsen ist sie bei strategisch wichtigen Zielgruppen: bei Frauen, bei Angestellten und bei jungen Menschen. „42 Prozent der neuen Mitglieder des Jahres 2015 waren junge Beschäftigte bis 27 Jahre“, so die 2. IGM-Vorsitzende Christiane Benner.

Mein Leben – meine Zeit: Arbeit neu denken.

Die IG Metall ist aus ihrer 125-jährigen wechselvollen Geschichte gestärkt hervorgegangen. Doch immer noch stehen der Ausbau der betrieblichen und Unternehmens-Mitbestimmung, die Humanisierung der Arbeit  und die Gestaltung der Arbeitszeit ganz oben auf der Agenda. Eine höhere Tarifbindung und zeitgemäß geregelte Arbeitszeiten sind nach Auffassung des IG-Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann die wichtigsten aktuellen Aufgaben der Gewerkschaft. Es gelte auf dem wesentlichen Feld der Arbeits- und Lebensbedingungen die Handlungs- und Gestaltungshoheit in den Betrieben und in der Fläche zurück zu gewinnen und auszubauen.

„Mein Leben – meine Zeit: Arbeit neu denken“, so das Motto der neuen Arbeitszeitkampagne  „Wir wollen Lösungen finden für sichere Arbeitszeit, die für jeden planbar ist, aber auch für gerechte Arbeitszeit, bei der geleistete Arbeitszeit vergütet wird“ sagte Hofmann bei einer Feierstunde anlässlich des 125-jährigen Bestehens in der Frankfurter Paulskirche.

Kämpfend vorausschauen – das ist das, was der desorganisierte Krisenkapitalismus den Gewerkschaften abverlangt. Der IG Metall ist im 125. Jahr ihres Bestehens deshalb  zu wünschen, dass sie ihr politisches Profil schärft. Denn eine die Solidarität zersetzende Prekarisierung der Arbeitsmärkte ist kein Sachzwang fortschreitender Globalisierung, sondern Folge einer neoliberalen Austeritäts-Politik, die eine Zersetzung des sozialstaatlich und arbeitspolitisch geformten Sozialstaats betreibt.

Dagegen heißt es auch künftig Widerstand zu leisten. Es bedarf einer Sozialpolitik im Sinne von sozialem Schutz, wirtschaftlicher Regulierung und wirtschafts-demokratischer Erneuerung um den erreichten Status der Lohnarbeit weiter zu entwickeln.

(1) Die Gewerkschaft Textil und Bekleidung, die zuerst „Deutscher Textilarbeiterverband“ hieß, wurde 1891 und die Gewerkschaft Holz und Kunststoff wurde 1868 gegründet. Beide Gewerkschaften gingen Ende der 1990er-Jahre in die IG Metall über.

Foto: Wir gratulieren – Foto: IGM GH- Archiv