In der Ausbildung hapert‘s mit digitalen Inhalten

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DGB-Ausbildungsreport 2019

Smartphone, Cloud, Streaming: Digitale Kommunikation und digitale Tools sind für junge Menschen mittlerweile Bestandteil ihres Alltags. Nur in der Ausbildung – da hapert’s mit digitalen Inhalten. Das zeigt der „Ausbildungsreport 2019“ der DGB-Jugend.

Rund 80 Prozent der für den Report Befragten gaben an, dass Digitalisierung und Automatisierung in ihrer Ausbildung wichtig oder sehr wichtig sind. Doch nur 54 Prozent der Jugendlichen sehen sich während ihrer Ausbildung gezielt darauf vorbereitet, digitale Technologien auch zu nutzen. „Diese Zahlen müssen Anlass zur Sorge sein“, sagt Gewerkschaftssekretärin Nadine Schröer-Krug und fordert: „Berufsschulen und Betriebe müssen gleichermaßen besser werden. Die Mittel aus dem Digital-Pakt von Bund und Ländern müssen auch an den beruflichen Schulen ankommen.“

Die DGB-Jugend hat Auszubildende aus der gesamten Republik gefragt, wie es um die Qualität der Ausbildung in den Betrieben steht. 16.181 junge Menschen aus den 25 am häufigsten gewählten Ausbildungsberufen haben sich an der Befragung beteiligt. Der Schwerpunkt der Studie wurde auf das Thema Ausbildung 4.0 gelegt, da die Digitalisierung der Arbeitswelt sich natürlich auch auf die Ausbildung auswirkt.

Ausbildungsqualität – abhängig von der Branche

Der Report zeigt, dass die Bewertung der Ausbildungsqualität durch die Befragten stark vom Ausbildungsberuf bzw. der Branche abhängig ist. Am besten bewerten die angehenden Industriemechaniker die Qualität ihrer Ausbildung. Auf den Rängen zwei bis fünf folgen die Verwaltungsfachangestellten, Industriekaufleute, Mechatroniker sowie Zerspanungsmechaniker; knapp dahinter rangieren Bankkaufleute und Elektroniker für Betriebstechnik. Am unteren Ende der Skala stehen die Fachverkäufer*innen im Lebensmittelhandwerk sowie die Hotelfachleute. Auch die Kaufleute im Einzelhandel, die Verkäufer*innen sowie die Köchinnen und Köche bewerten ihre Ausbildung überdurchschnittlich häufig schlecht.

Fakt ist: Je größer der Betrieb, desto höher die Zufriedenheit der Auszubildenden. Das gute Abschneiden von großen Betrieben ist durch gute personelle und materielle Voraussetzungen begründet, mit denen eine strukturierte und qualitativ hochwertige Ausbildung gewährleistet werden kann. Klein- und Kleinstbetriebe hingegen stehen oft vor der Herausforderung, mit wenig Personal flexibel auf Angebot und Nachfrage reagieren zu müssen.

Andererseits verfügen Großbetriebe über kollektive Mitbestimmungsstrukturen wie Betriebsräte und Jugend- und Auszubildendenvertretungen. Diese achten darauf, dass Ausbildungspläne eingehalten und gesetzliche Vorgaben beachtet werden.

Ausbildungszufriedenheit

An den diesjährigen Zahlen fällt auf, das die Zufriedenheit der Auszubildenden mit ihrer Ausbildung erneut leicht gesunken ist und erstmals unter 70 Prozent liegt. Insgesamt waren 69,9 Prozent der befragten Auszubildenden mit ihrer Ausbildung „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“. Grundsätzlich ist dies zwar immer noch ein guter Wert, aber die Tendenz ist „sinkend“. Vor zehn Jahren lag der Wert für die Zufriedenheit mit der Ausbildung noch bei 75,5 Prozent. Ursachen für diese Entwicklung sind: Überstunden, Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz und das Berufsbildungsgesetz. Dazu kommen eine nicht ausreichende Betreuung durch den/die Ausbilder/in, ausbildungsfremde Tätigkeiten und Berufsschulzeiten, die im Betrieb nachgeholt werden müssen.

Positiv auf die Ausbildungszufriedenheit wirken sich dagegen Tarifverträge aus. 44,2 Prozent der Befragten gaben an, dass für sie ein Tarifvertrag gilt, davon sind 74,2 Prozent mit ihrer Ausbildung „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“, von den Auszubildenden ohne geltenden Tarifvertrag (28,1 %) sind es nur knapp zwei Drittel (65,4 Prozent). Auch die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft wirkt sich positiv auf die persönliche Ausbildungszufriedenheit aus. 77,8 Prozent der Befragten, die Mitglied einer Gewerkschaft sind, gaben an, mit ihrer Ausbildung „sehr zufrieden“ oder „zufrieden zu sein. Unter den Auszubildenden ohne Gewerkschaftsmitgliedschaft sind es 68,4 Prozent.

Ein besonders wichtiger Faktor für die Zufriedenheit in der Ausbildung ist eine sichere Perspektive. Der DGB-Report zeigt, dass selbst Auszubildende im dritten Ausbildungsjahr vielfach keine Informationen über eine Weiterbeschäftigung haben. 39,4 Prozent von ihnen wissen selbst kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung nicht, ob sie anschließend übernommen werden.

Ausbildungsplan

Von den befragten Jugendlichen hat gut ein Drittel (35,5 %) keinen betrieblichen Ausbildungsplan vorliegen, obwohl dessen Ausgabe an die Auszubildenden vorgeschrieben ist. Damit wird ihnen die Möglichkeit genommen, zu überprüfen, ob ihnen alle Inhalte vermittelt werden, die zum Erreichen des Ausbildungsziels notwendig sind. Auch hier gibt es große Unterschiede zwischen den Ausbildungsberufen. Während praktisch alle angehenden Bankkaufleute (97,5 Prozent) und Verwaltungsfachangestellten (95,3 Prozent) einen Ausbildungsplan bekamen, konnten nur 37,1 Prozent der Tischler*innen, 39 % der Anlagenmechaniker*innen, 39,5 Prozent der Maler*innen und Lackierer*innen und 40,5 Prozent der KFZ-Mechatroniker*innen diese Frage bejahen.

Von den 1.702 Auszubildenden, die ihren Ausbildungsplan „sehr gut“ kennen, gaben 56,5 Prozent an, dass der Ausbildungsplan immer eingehalten wird. Damit liegt die Vermutung nahe, dass der Ausbildungsplan bei den Auszubildenden, die diesen nicht kennen oder gar keinen erhalten haben, seltener eingehalten wird, und die Betroffenen somit viel häufiger ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten müssen.

Ausbildungsfremde Tätigkeiten

Der Anteil der Auszubildenden (12,2 %), die antworteten, im Betrieb „immer“ oder „häufig“ ausbildungsfremde Tätigkeiten ableisten zu müssen, hat sich im Vergleich zum Vorjahr leicht erhöht (+0,3 Prozentpunkte). Damit ist der der Anteil von Auszubildenden, die sich regelmäßig mit ausbildungsfremden Tätigkeiten konfrontiert sehen, seit 2016 kontinuierlich gestiegen.

Nur knapp ein Drittel (32,5 Prozent) der befragten Auszubildenden, die ihren Ausbildungsplan „sehr gut“ oder „gut“ kennen und einschätzen können, ob eine zu verrichtende Tätigkeit ausbildungsfremd ist, haben angegeben, „nie“ für ausbildungsfremde Tätigkeiten eingesetzt zu werden. Dabei regelt das Berufsbildungsgesetz und die dazugehörigen Ausbildungsrahmenpläne, welche Aufgaben und Tätigkeiten zu den Pflichten der Auszubildenden gehören.

Dennoch werden in Teilen der Ausbildungsbetriebe diese Regelungen missachtet: Etwa jede/r achte Befragte (12,2 %) ist nach eigener Aussage „immer“ bzw. „häufig“ mit ausbildungsfremden Tätigkeiten befasst. Bei diesen ausbildungsfremden Tätigkeiten handelt es sich häufig um gering qualifizierte Aufgaben oder um Routinetätigkeiten, die immer wieder ausgeführt werden und nicht dem Lernerfolg dienen. Darüber hinaus kommt es auch vor, dass Privatdienste für die Vorgesetzten und Putzarbeiten erledigt werden müssen.

Auch hier spielt die Betriebsgröße eine Rolle: 24,2 Prozent der Auszubildenden aus Firmen mit unter fünf Beschäftigten antworteten, dass sie „immer“ oder „häufig“ zu Aufgaben, die nicht in ihren Ausbildungsplänen zu finden sind, herangezogen werden. Bei Firmen mit mehr als 500 Beschäftigten waren dies lediglich 8,7 Prozent.

Ausbildungsnachweis – Führen des Berichtshefts

Das Berichtsheft ist integraler Bestandteil der Ausbildung und gemäß Berufsbildungsgesetz müssen die Arbeitgeber den Auszubildenden ermöglichen, das Berichtsheft in ihrer Ausbildungszeit zu führen. Das Ausfüllen des Berichtshefts im Betrieb ist notwendig, da dort Rücksprachen mit dem/der Ausbilder/in möglich sind, der Lernprozess gemeinsam reflektiert werden kann und eine effektivere Orientierung am betrieblichen Ausbildungsplan möglich ist. Trotz dieser eindeutigen Regelung gaben 32,7 Prozent der Auszubildenden an, ihren Ausbildungsnachweis „nie“ während der Ausbildungszeit zu führen, weitere 8,8 Prozent machen dies nur „selten“.

Überstunden in der Ausbildung: Weiterhin große Probleme

Über ein Drittel der Befragten, muss regelmäßig Überstunden machen. Fast jeder achte Jugendliche unter 18 Jahren muss mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten. Besonders Auszubildende aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe sind von Überstunden betroffen. So gaben beispielsweise 57,3 Prozent der befragten Hotelfachleute und 51,9 Prozent der Köchinnen und Köche an, regelmäßig Überstunden ableisten zu müssen – eine gravierende Missachtung geltender gesetzlicher und tarifvertraglicher Regelungen.

Demgegenüber gaben nur 23,2 Prozent der angehenden Zerspanungsmechaniker*innen und 23,4 Prozent der Industriemechaniker*innen an, regelmäßig länger arbeiten zu müssen. Der Großteil (84,8 %) der Befragten, die angeben, regelmäßig Überstunden machen zu müssen, leistet bis zu fünf Überstunden pro Woche, etwa ein Sechstel (15,2 %) zum Teil noch deutlich mehr.

Schwerpunktthema: Ausbildung 4.0

Die Digitalisierung ist auf dem Vormarsch und verändert schrittweise die Arbeitswelt. Dies stellt neue Anforderungen an Ausbildungsinhalte in der dualen Berufsausbildung. Die Auszubildenden von heute und Fachkräfte von morgen müssen für neue Techniken, sich wandelnde Tätigkeitsprofile und permanente Veränderungen gerüstet sein. Dazu gehört die Fähigkeit, die neue Arbeitswelt zu verstehen und damit auch gestalten zu können.

Die Ergebnisse des Ausbildungsreport untermauern die große Bedeutung, die das Thema Digitalisierung für die meisten Auszubildenden inzwischen erlangt hat. So sind knapp 80 Prozent der Befragten der Meinung, dass Aspekte der Digitalisierung und Automatisierung in ihrer Ausbildung „(sehr) wichtig“ sind. Demgegenüber steht jedoch, dass rund 46 Prozent der Befragten in ihrer Ausbildung nicht gezielt für die Nutzung digitaler Technologien qualifiziert werden.

Das heißt, die Relevanz der Themen Digitalisierung und Automatisierung in der Ausbildung ist längst noch nicht von allen Betrieben erkannt worden. Hinzu kommt die schlechte technische Ausstattung vieler Berufsschulen. Fast ein Drittel der Auszubildenden beurteilen die digitale Ausstattung an ihrer Berufsschule als „ausreichend“ oder „mangelhaft“. Die Betriebe und Berufsschulen haben in Sachen Ausbildung 4.0 noch einiges nachzuholen, stellt die Gewerkschaftsjugend fest.

Foto: Reuters

 

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