„Keiner wollt‘ sich ducken“

„Keiner wollt‘ sich ducken“

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125 Jahre IG Metall – Teil 3

Mai 2016: Die IG Metall ruft zum Warnstreik in Gevelsberg auf: Rund 200 Beschäftigte  der Firmen Dieckerhoff Guss, Titan Intertractor, Nelson und Burg F. W. Lüling versammeln sich vor den Toren der Gießerei Dieckerhoff. Gemeinsam protestieren sie gegen das „Magerkost“-Angebot der NRW- Metallarbeitgeber in der Tarifrunde und fordern 5,5 Prozent mehr Lohn. Zurecht, denn: Die aktuelle Lage in der Metallindustrie zeichnet sich durch eine stabile konjunkturelle Lage, volle Auftragsbücher und eine gute Ertragssituation aus.

Die Grundlagen dafür, dass die Dieckerhoff-ArbeitnehmerInnen mit ihren Kolleginnen und Kollegen in der Metallindustrie mit Warnstreiks den notwendigen Druck ausüben können, um einen akzeptablen Tarifabschluss durchzusetzen, hat der 1. Senat des Bundesarbeitsgerichts 1976 mit seiner höchstrichterlichen Entscheidung geschaffen.

Bis dahin war es für die MetallerInnen ein langer und beschwerlicher Weg. 60-Stunden-Woche, gefährliche Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne – das war der Alltag der Arbeiter in den Metallfabriken um die Jahrhundertwende im Ennepe-Ruhr-Kreis. Die wichtigste Aufgabe des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV) lag zu Beginn des 20.Jahrnunderts darin, durch den Abschluss von Tarifverträgen Löhne, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Vom betrieblichen Lohnkonflikt zum Arbeitskampf

März 1910: Die Auftragsbücher der Betriebe in der Metallindustrie waren voll und Überstunden die Regel. Während die Gewinne der Unternehmer stiegen, hatte der Umfang der Lohntüten in den Jahren zuvor kaum zugenommen hatte. Daraufhin forderten die Former der Gießerei Dieckerhoff in Gevelsberg bis zu sechs Prozent mehr Lohn und kündigten die Arbeit. Die Einführung fester und höherer Akkordsätze scheiterte jedoch an der unnachgiebigen Haltung des Firmenchefs Heinrich Dieckerhoff. Daraufhin legten 24 Former die Arbeit nieder.

Die Dieckerhoffer ahnten allerdings nicht, welch‘ erbittert geführter Arbeitskampf im Landkreis Hagen- und Schwelm daraus entstehen sollte. Denn der „Arbeitgeberverein für die Kreise Hagen und Schwelm“ gewährte Anfang April seiner bestreikten Mitgliedsfirma Schutz, um sie „vor dem Ruin“ zu bewahren. Zugleich säte der Anti-Streikverein Zweifel an der Berechtigung der Lohnforderung, in dem er in der Gevelsberger Zeitung in einer großformatigen Bekanntmachung die Namen und Löhne der streikenden Former abdrucken ließ.

Foto_Bekannmachung Abeitgeberverein

Vor 250 Formern und Gießereiarbeitern wies DMV-Geschäftsführer Hermann Müller in der Protestversammlung im Gevelsberger „Hotel zur Haufe“ die veröffentlichte Liste als falsch zurück. Auch der Plan des Arbeitgebervereins, die Dieckerhoff-Produktion in andere Gießereien auszulagern, scheiterte. Die Former der vorgesehenen Betriebe weigerten sich Streikbrucharbeiten zu machen und legten ebenfalls die Arbeit nieder. Mehr als 200 reichten die Kündigung ein, unter anderem bei Stockey & Schmitz in Milspe und Boecker & Voormann in Hagen.

Unternehmer sperren 20.000 Arbeiter aus

Auf der Generalversammlung des Arbeitgebervereins Ende April 1910 beschlossen die Vertreter von 100 Firmen einstimmig, die Aussperrung auf 50 Prozent der Gießerei-Arbeiter im Bezirk auszudehnen. Waren Anfang Mai 1.000 Arbeiter ausgesperrt, stieg die Zahl bis Anfang Juni auf 10.000. Mit der schrittweisen Ausdehnung der Aussperrung sollten die organisierten und nichtorganisierten Arbeiter gegenseitig ausgespielt und die geschlossene Front gespalten werden. Auf dem Höhepunkt des Arbeitskampfes waren rund 20.000 Arbeiter ausgesperrt, davon 17.000 Nichtorganisierte.

Alle Desinformations- und Verleumdungskampagnen des Arbeitgebervereins führten nicht zum Erfolg: Former und Gießer der anderen Betriebe erklärten sich mit den Streikenden von Dieckerhoff solidarisch. In Aussperrungsversammlungen im Hackenbergschen Saal in Gevelsberg und  im Saal Karl Wicke in Milspe erklärten der DMV, die christliche Gewerkschaft und der Hirsch-dunkersche Gewerkverein vor hunderten  Ausgesperrten, alles zu tun, „um den Angriff der Unternehmer gemeinsam abzuwehren und die Rechte der Arbeiter zu bewahren“. Geschlossen wurde der Kampf fortgesetzt: „Keiner wollt‘ sich ducken“, dafür sorgte die westfälische Dickköpfigkeit.

Obwohl der Altenvoerder Industrielle August Bilstein erklärte, er wolle alles tun „um Frieden herzustellen“ kam es nach zehnwöchigem Arbeitskampf  – Ende Mai – zu einer dramatischen Zuspitzung. Der Unternehmensverband kündigte die Einführung eines „Arbeitsnachweises“ an, damit wollten sich die Unternehmer nicht nur die Kontrolle über den Arbeitsmarkt schaffen.

Die Arbeiter sollten sich bei einer künftigen Stellensuche nicht mehr an eine Firma wenden können, sondern nur mit Bescheinigung der neuen vom Unternehmverband eingerichteten Nachweisstellen, und die sollte man nur erhalten, wenn „die ordnungsgemäße Lösung des Arbeitsverhältnisses“ nachgewiesen wurde. Das zur Disziplinierung der streikenden und ausgesperrten Arbeiter gedachte Instrument wurde vom DMV  als „Einschränkung elementarer Arbeiterrechte“ umgehend abgelehnt.

Unternehmer-Machtprobe mit dem DMV

Damit trat der Lohnkonflikt bei Dieckerhoff in den Hintergrund. Der Kampf nahm politische Formen an. Der Arbeitgeberverein suchte die Machtprobe mit dem DMV und der traditionell links eingestellten Industriearbeiterschaft in den Städten Milspe, Voerde, Gevelsberg, Hagen und Schwelm. Die Unternehmer wollten den Gewerkschaften für alle Zeit klar machen, dass ihnen starke Arbeitgeber-Organisationen gegenüber stehen und es nicht leicht ist, diesen den Arbeiterwillen aufzuzwingen.

Mit der Taktik „Zuckerbrot und Peitsche“ versuchten die Arbeitgeber den Arbeitskampf zu beenden. Sie kündigten die Öffnung der Betriebe für den Fall an, dass sich genügend Arbeiter zur Wiederaufnahme der Arbeit melden würden. Bis zum 23. Juni gab es jedoch nur wenige Meldungen. Stattdessen versammelten sich tags darauf 9.000 Ausgesperrte in  Altenvoerde, Gevelsberg, Hagen, Haspe und Wetter und beschlossen dem „Arbeitgeberaufruf keine Folge zu leisten“.

Ein Teil der Betroffenen stand nunmehr seit 12 Wochen im Arbeitskampf.  Angesichts der zunehmenden Not der Arbeiterfamilien gewährten die Konsumgenossenschaften den Ausgesperrten Sondervergünstigungen. Gewerkschaften führten Sammlungen zugunsten der Nichtorganisierten durch. Die Ebbe in den Kassen der Arbeiterhaushalte schlug sich beim Einzelhandel nieder, der durch Rabatte und Sonderangebote die Verluste abmildern wollte. Die Stadtverordnetenversammlungen in Gevelsberg, Hagen und Haspe lehnten dagegen Anträge auf materielle Unterstützung der Ausgesperrten ab.

Die Arbeit wird wieder aufgenommen

Am 15. Juli wurde zwischen Vertretern der Gewerkschaften und des Arbeitgebervereins unter Vorsitz des Arnsberger Regierungspräsidenten von Bake ein Protokoll unterzeichnet, das den Weg zur Lösung des Arbeitskampfes freimachte. Die Einführung des Arbeitsnachweises konnte nicht verhindert werden. Die Arbeitgeber erklärten sich lediglich bereit, dass eine einzurichtende Beschwerdekommission im Zusammenhang mit dem Arbeitsnachweis aus einem „vom Regierungspräsidenten zu ernennenden  (neutralen) Vorsitzenden und zwei Mitgliedern des Arbeitgebervereins bestehen sollte“.

Es wurden Gewerkschaftsversammlungen einberufen, in denen abgestimmt wurde, ob unter diesen Bedingungen die Arbeit wieder aufgenommen werden sollte. Die Mehrheit der Mitglieder stimmten für die Wiederaufnahme der Produktion. Die Metallarbeiter-Zeitung schrieb am 30. Juli 1910: „Es war nicht möglich, weitere Zugeständnisse herauszuholen. Ferner hatte es den Anschein, dass eine große Zahl Unorganisierter des Kampfes müde geworden sei und dass bei ihnen bald eine große Fahnenflucht eintreten könne“.

Ob sich mit dieser Begründung alle diejenigen abfanden, die wochenlang den Unternehmern erfolgreich Paroli geboten hatten und am 19. Juli mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch die Arbeit wieder aufnahmen, ist nicht überliefert. Die Unternehmer reklamierten den Sieg für sich. Doch die Arbeiter kehrten nicht geschlagen in die Betriebe zurück. Am 1. Oktober erklärte die Sozialistin Rosa Luxemburg auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des DMV in Hagen: „Erst vor wenigen Wochen haben sie hier in Hagen und Schwelm einen mustergültigen, großartigen Kampf ausgefochten, wie er die Bewunderung der gesamten klassenbewussten Arbeiterschaft in ganz Deutschland verdient“.

(Der Text entstand unter Verwendung von Inhalten der Broschüre von  Rainer Stöcker „Keiner wollt‘ sich ducken“ – Der große Arbeitskampf in  Hagen-Schwelm 1910, Hrsg. Hagener Geschichtsverein e. V. Hagen)

Foto: Beschäftigte der Schaufel- und Spatenfabrik R. Dahlmann Gevelsberg 1913
Foto: Bekanntmachung des Arbeitgebervereins – Gevelsberger Zeitung 18.04.1910