Nazis zerschlagen die Gewerkschaften

Nazis zerschlagen die Gewerkschaften

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125 Jahre IG Metall – Teil 6

2. Mai 1933: Um 10 Uhr morgens stürmten im gesamten Deutschen Reich Nazischläger die Gewerkschaftshäuser – verwüsteten Büros, verhafteten und verschleppten Gewerkschafter. In Hattingen besetzte der SA-Schlägertrupp die Geschäftsstelle des Deutschen Metallarbeiter-verbandes (DMV) in der oberen Heggerstrasse 64. Das Vermögen der rund 3.000 Mitglieder zählenden Geschäftsstelle und die Akten wurden beschlagnahmt und der DMV-Bevollmächtigte Wilhelm Warnecke, sowie das Mitglied der Ortsverwaltung Karl Steierwald in „Schutzhaft“ genommen.

Schon vier Tage zuvor, am 28. April 1933, hatte ein SA-Rollkommando das Gewerkschaftshaus des DMV in der Hagener Straße 2 okkupiert und die Kasse und sowie die Geschäftsbücher konfisziert. Der ehemalige DMV-Bevollmächtigte und Reichstagsabgeordnete der KPD Walter Oettinghaus musste schon am Tag des Reichstagsbrandes in Berlin (28..2.1933) vor den Nazis ins Ausland fliehen. Die „Deutsche Arbeitsfront“(DAF), die nationalsozialistische Pseudogewerkschaft, eignete sich die Immobilien der DMV-Mitglieder rechtswidrig an.

Nur drei Monate, nachdem Reichspräsident Paul von Hindenburg Deutschland an Adolf Hitler und die Nationalsozialisten (NSDAP) ausgeliefert hatte, waren Gewerkschafter und Politiker demokratischer Parteien die ersten Opfern des faschistischen Terrors: Die Organisationen der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung wurden verboten, enteignet und zerschlagen.

Foto_DMV Einigkeit(Foto: Einigkeit ist das Gebot Stunde – Plakat des DMV)

Kein Widerstand geleistet

Als die Nazis am 30. Januar an die Macht kamen, warteten  die Gewerkschaften ab. Trotz der Erkenntnis „Einigkeit ist das Gebot der Stunde“ (DMV), und der Forderung vieler Mitglieder und ehrenamtlicher Funktionäre, Widerstand zu leisten, hielt die Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) an ihrem Stillhaltekurs fest. Die führenden Funktionäre hielten es angesichts von über sechs Millionen registrierten Arbeitslosen für  aussichtslos, zu einem Generalstreik aufzurufen.

Andererseits rechnete man insgeheim damit, dass der „Hitlerspuk“ in wenigen Monaten vorbei sein würde – eine fatale Fehleinschätzung. Tatsächlich brauchen die Nazis nur wenige Monate, um mit Propaganda und Terror und ihre Macht auszubauen und zu festigen. Sie reißen den Staatsapparat an sich, ihre national-sozialistische Ideologie durchdringt bald fast alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. Wer Widerstand leistet oder ihrem „arischen“ Ideal nicht entspricht, wird rücksichtslos und brutal bekämpft.

Dabei konnte sich Adolf Hitler vor allem auf die Unternehmer stützen beispielsweise auf die Stahl- und Kohlebarone wie Krupp und Thyssen im Ruhrgebiet. Im „Industrie-Club-Düsseldorf“ am 26 Januar 1932 versprach er den 650 Zuhörern – darunter führende Vertreter der deutschen Großkonzerne –  steigende Profite durch die Zerschlagung der Rechte der Lohnabhängigen und durch massive Rüstungsaufträge. Die Beifall klatschten, wussten, dies heisst, ein Deutschland ohne Demokratie, ohne Gewerkschaften und ohne Linke.

Der „Führer“ hielt seine „Versprechen“ – die Unternehmer profitierten von der einsetzenden Aufrüstung  und vom faschistischen Krieg. Konzentrationslager in Auschwitz oder Buchenwald wurden nicht nur zur Vernichtung jüdischer Menschen errichtet, hier wurden bis zur psychischen Vernichtung die politischen und jüdischen Häftlinge und später die Kriegsgefangenen als Arbeitssklaven ausbeutet. Auch im Ennepe-Ruhr-Kreis gab es kaum einen Metallbetrieb, der nicht von dieser Ausbeutung u.a. durch den Einsatz von Häftlingen und Zwangsarbeiter profitierte.

 Foto_Karikatur Knebelung der Arrbeiterklasse(Foto: Knebelung der Arbeitsklasse – Karikatur: Trapp)

Das Ende freier Gewerkschaften

Die Nazis erklärten den 1. Mai 1933 zum „Tag der nationalen Arbeit“. Der ADGB rief die Arbeiter und Angestellten zur Teilnahme auf. Doch das reichte den braunen Banditen nicht aus. Es ging um die völlige Zerschlagung der Gewerkschaften. Schon am 17. April 1933 notierte der Wuppertaler Joseph Goebbels, Minister für Volksaufklärung und Propaganda, in seinem Tagebuch, dass er mit dem Führer die schwebenden Fragen durchgesprochen habe: „Den 1. Mai werden wir zu einer grandiosen Demonstration deutschen Volkswillens gestalten. Am 2. Mai werden dann die Gewerkschaftshäuser besetzt“.

Die NSDAP und ihre Hilfstruppen wie die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) nutzten den Mai-Feiertag als Kulisse für ihre Massenaufmärsche. So berichtete die Hattinger Zeitung am 2. Mai ausführlich über die eindrucksvollen Maifeiern auf dem Schützenplatz vor der Schulenburg in Hattingen, in Blankenstein, Sprockhövel und Niederbonsfeld und die Lobreden „über die Wertschätzung der körperlich Arbeitenden“. Dagegen war der Zeitung die Gleichschaltung des DMV und die Verhaftung ihres Bevollmächtigten nur eine Kurzmeldung wert, „Warnecke, der vor einigen Tagen nach längerer Schutzhaft im hiesigen Polizeigefängnis, in Untersuchungshaft genommen und dem Amtsgericht zugeführt wurde, ist jetzt nach Essen überführt worden.“

Die Arbeiter und Angestellten wurden ihrer elementaren Rechte beraubt und waren fortan der Willkür der faschistischen Schergen ausgeliefert. Betriebsratsmitglieder mussten nicht nur um ihren Arbeitsplatz, sondern auch um ihre Freiheit fürchten. Die NSBO drängte in den Betrieben die gewählten Betriebsräte wie beispielsweise auf der Ruhrstahl Henrichshütte zum Rücktritt. „Zur Einleitung der Maßnahme“, schrieb die Hattinger Zeitung (07. April 1933), „fand vormittags ein Aufmarsch von SA-Formationen (…) mit Musik statt. Auf dem Steigerturm der Hüttenfeuerwehr wurde die Hakenkreuzfahne angebracht.“ Eine wichtige Rolle spielten auch die Arbeitgeber, die die Absetzung der Betriebsräte nicht nur duldeten, sondern oft begrüßten. Schließlich wurde in ihrem Interesse mit dem Gesetz über die „Treuhänder der Arbeit“ die Tarifautonomie und dass Streikrecht abgeschafft.

Gewerkschaftsfunktionäre wurden eingekerkert, gefoltert und ermordet. Andere beteiligten sich an Widerstandsaktionen gegen das Regime in Deutschland oder im Exil wie Walter Oettinghaus.  „Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor“, heißt es im Refrain des Liedes, das im Konzentrationslager Börgermoor in Papenburg im Emsland entstand. Hierher wurden Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis verschleppt – so u.a. die Kollegen Karl Polixa, Julius Schäfer und Willi Witzel aus Gevelsberg und Wilhelm. Warnecke, Willi Herold und Erich Erdmann aus Hattingen. „Es handelt sich um Leute, die schon seit Jahren unangenehm von sich reden machten“, diffamierte die Hattinger Zeitung die Demokraten und Nazi-Opfer. (12.09.1933), die wie die Kollegen August Schlender und Hugo Schwätzer im KZ Sachsenhausen ermordet wurden.

„Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg“

Was mit der Erstürmung der Gewerkschaftshäuser begann, endete mit rund 55 Millionen Kriegstoten und Millionen Opfern in den Konzentrationslagern. Aus dieser faschistischen Barbarei  haben die GewerkschafterInnen nach der Befreiung vom Faschismus die einzig richtige Lehre gezogen: „Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg“.

Diese geschichtliche Verpflichtung ist auch heute die entscheidende Antriebskraft von IG MetallerInnen im Kampf gegen rechts: „Der Kampf gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit ist und bleibt daher eine zentrale Aufgabe der IG Metall“ (Gewerkschaftstagsbeschluss 20115) Deshalb streiten GewerkschafterInnen im Betrieb und in der Gesellschaft für Toleranz und Menschenwürde – gegen Menschenverachtung und Dummheit.

Der Text stützt sich u.a. auf folgende Quellen:
VHS Hattingen(Hrsg.) „Alltag in Hattingen 1933-1945“, Klartext-Verlag Essen 1985
Karl Polixa, Herbert Wils, Dr. Mathias Jung „Rote Sirene“, Plambeck Verlag Neuss
IG Metall Hattingen (Hrsg.) „Dokumentation zur Geschichte des Ehrenfriedhofs Ludwigstal in Hattingen“, September 1979

Foto: SA-Rollkommandos besetzen die Gewerkschaftshäuser Foto: picture allianz/dpa
Foto: DMV-Plakat „Einigkeit ist das Gebot Stunde“
Foto: Karikatur „Knebelung der Arbeitsklasse“ von Trapp