„Pleite-Griechen“ – „wo der Ouzo fließt“

„Pleite-Griechen“ – „wo der Ouzo fließt“

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Stimmungsmache der BILD-Zeitung - Gegenwehr organisieren

Gerade mal sechs Wochen ist in Griechenland die neue linke Regierung unter Führung von Syriza im Amt. Die Antwort der europäischen Institutionen auf die unbotmäßige Wahl des griechischen Volkes lautet: Entweder kriecht Ministerpräsident Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis bei den Deutschen und ihren Helfershelfern in Brüssel zu Kreuze oder sie werden in den wirtschaftlichen Niedergang getrieben.

Wo es um Parolen, Bilder, ja um opportunistische Hetze geht, da ist die Boulevardzeitung ‚BILD‘ immer vorne weg. Wenn das Blatt die trübe Brühe abschöpfen möchte, die sie mit ihrer Berichterstattung angerührt hat, startet sie einen Aufruf: »Nein. Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen!« So schmetterte Kai Diekmanns Boulevard-Blatt die Botschaft in halbseiten-großen, blau-weißen Lettern den Bundestagsabgeordneten in Berlin entgegen.

Mit der Leser-Selfie-Aktion vor der Abstimmung im Bundestag über die weitere Auszahlung der Kreditraten an die Athener Regierung erreichte die Hetze von BILD einen Höhepunkt.(1) Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen: „Lokale voll, der Ouzo fließt! So gut geht’s den Pleite-Griechen“, „Griechen reicher als wir!“, „Das sollen die Griechen alles kriegen! – 1.000 Euro für Putzfrauen (halbtags)“ – „Und DIE wollen UNSER Geld?“ Das ist Stigmatisierung und Diffamierung eines Volkes durch Kampagnen-Journalismus.

Seit fünf Jahren läuft diese Berichterstattung. Den BILD-Redakteuren ging nie darum, über die Ursachen der Krise in diesem südeuropäischen Land, geschweige denn über die Auswirkungen der Austeritäts-Politik von EU, EZB und IWF auf die Bevölkerung zu informieren. Es gibt keine Informationen darüber, dass die Wirtschaftskrise in Griechenland und den durch die Troika, den bürokratischen Technokraten, aufgezwungenen Sparkurs die Armut in diesem Land verschärft hat.

Die aktuelle Studie des gewerkschaftsnahen Instituts IMK weist nach, dass z.B. die nominalen Bruttoeinkommen privater Haushalte in den Jahren von 2008 bis 2012 durch Lohnkürzungen um ein knappes Viertel gesunken sind. „Die nüchternen Zahlen zeigen, wie Millionen Menschen in Griechenland durch eine überharte und sozial völlig unausgewogene Sparpolitik wirtschaftlich abgestürzt sind“, kommentierte der Leiter des IMK, Gustav Horn, die erschreckenden Ergebnisse.

‚BILD‘ blendet diese humanitäre Katastrophe der ArbeitnehmerInnen und RentnerInnen aus. Stattdessen werden mit dem Schimpfwort „Pleite-Griechen“ Arbeitslose mit steuerhinterziehenden Reedern gleichgesetzt. Also titelte BILD „Verkauft doch eure Inseln… und die Akropolis gleich mit!“ und stellte ihre LeserInnen vor die Entscheidung: „JA, schmeißt ihnen weiter die Kohle hinterher!“ oder „NEIN, keinen Cent mehr für die Pleite-Griechen, nehmt ihnen den Euro weg!“

„Freund-Feind“-Schema

Die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung (OBS) kritisierte bereits 2011 die Berichterstattung des Boulevardblatts über Griechenland. Dessen Macher belassen es nicht dabei, so die Autoren der Studie Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz, eine BILD-Story zu formen, die sich gut verkaufen soll. Sie wollen als politische Akteure offensiv mitmischen und Empörung durch einfache Freund-Feind-Schema mobilisieren.

Da wird der „hart arbeitende Deutsche“, der immer in der Gefahr schwebt, von verschiedenen Kräften ausgenutzt zu werden, gegen den „faulen Griechen“ ausgespielt. Die Griechen hätten mit ihren „satten Sünden“ die Welt betrogen, wofür sie jetzt sühnen müssten: „einer gerechten Strafe gleich.“ Dazu passt natürlich nicht der Fakt, dass Griechenland für einen Kredit der deutschen KfW Bankengruppe von 2010 bis 2014 rund 360 Millionen Euro Zinsen gezahlt hat, die an den Bund abgeführt wurden. (3)

Tatsache ist jedoch auch, dass BILD nicht weit vom „Mainstream der medialen Darstellung“ in Deutschland entfernt operiert. „Teutonische Arroganz“ tropft nicht nur aus druckfrischen BILD-Seiten, sondern schlägt sich auch in einem Teil bundesdeutscher „Qualitätsmedien“ nieder wie in dem „Spiegel”-Cover, „Der Geisterfahrer – Europas Albtraum Alexis Tsipras.“ Sie schreiben sich im Herdentrieb in eine antigriechische Raserei hinein und folgen damit der ideologischen Verbohrtheit der konservativen und neoliberalen deutschen Politik.

Der Medien-Journalist Stefan Niggemeier kommt zu der Einschätzung, dass „selbst Sisyphos den Auftrag ablehnen würde, all die Fehler, Irrtümer, Boshaftigkeiten, Unterstellungen, Voreingenommenheiten, Verdrehungen und Ressentiments in der Berichterstattung deutscher Medien über die neue griechische Regierung richtigzustellen.“

Das Beispiel könnte Schule machen

Während weltweit die Auffassung an Glaubwürdigkeit gewinnt, dass Austeritätspolitik nicht funktionieren kann, hält man im deutschen Polit-Establishment an der Ideologie der schwäbischen Hausfrau fest – derart krampfhaft, dass die SPD jeden Anschein einer eigenständigen Position in Fragen der „Euro-Krise“ vermeidet und sich dabei möglicherweise an dem historischen Desaster beteiligt, Griechenland „über den Abgrund zu schieben“, wie es der US-Ökonom Paul Krugmann formuliert. Und damit möglicherweise dem eigenen politischen Lager nachhaltigen Schaden beizufügen.

Statt der SYRIZA-Regierung – auch wenn sie nicht wie Pasok zur sozialdemokratischen Parteienfamilie gehört, eine Atempause zu verschaffen, die sie zur Verbesserung des Steuervollzugs und zur Heranziehung des Vermögens der Superreichen benötigt, wird darauf gedrungen, das bisherige Programm einfach fortzusetzen, ganz gleich, welches Unheil das anrichtet. Die „geschlossenen Verträge“ seien einzuhalten, tönt Wolfgang Schäuble triumphierend, der seit Jahren schon die deutsche Bevölkerung belügt. Entgegen seinen Behauptungen haben die „deutschen Steuerzahler“ nicht „den Griechen“ geholfen, sondern den deutschen und internationalen Banken.

So wird immer klarer, dass es beim Ringen zwischen der Athener Linksregierung und den anderen Euro-Staaten nicht wirklich ums Geld geht. Das Beispiel könnte Schule machen: Auch in Spanien, Portugal und sogar in Irland könnten linke Basisbewegungen bei den dort anstehenden Wahlen die Mehrheit gewinnen. Das könnte dazu führen, dass die Menschen in Europa endlich eine Alternative sehen und nicht mehr an die Alternativlosigkeit marktkonformer Demokratie glauben. Und das soll auch mit Hilfe der Medien verhindert werden.

Kampf um die Köpfe

Es ist positiv zu bewerten, dass führende Gewerkschaftsrepräsentanten gemeinsam mit Wissenschaftlern in einem Aufruf (4) bekräftigen, dass „der Politikwechsel in Griechenland keine Gefahr, sondern eine Chance für Europa“ ist. Es ist dringend notwendig, für die massenhafte Unterzeichnung dieses Aufrufs in gewerkschaftlichen Veranstaltungen zu werben. Wir müssen den Kampf um die Köpfe führen.

Drüber hinaus muss politischer Druck von Gewerkschaften, linken Parteien und sozialen Bewegungen auf nationaler und europäischer Ebene organisiert werden. Starten könnten die Aktionen auf den 1. Mai-Kundgebungen. Hier kann über die griechische Realität informiert und eine breite Solidarität mit dem griechischen Volk eingeworben werden. In dem wir das griechische Volk unterstützen, streiten wir für einen politischen Kurswechsel im Interesse der deutschen ArbeitnehmerInnen.

greecelogo
Anmerkungen
(1)Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) forderte Bild.de auf, „sofort die laufende Anti-Griechen-Kampagne zu stoppen.“ Die Selfie-Aktion überschreite die Grenze zur politischen Kampagne. Es sei medienethisch bedenklich, dass ein ganzes Volk für die finanzpolitischen Fehlentscheidungen seiner Politiker diffamiert werde. (2) Hans-Jürgen Arlt, Wolfgang Storz Drucksache „Bild“ – Eine Marke und ihre Mägde. Die „Bild“-Darstellung der Griechenland- und Eurokrise 2010, Studie der Otto Brenner Stiftung. Frankfurt/Main 2011. (3)Vgl. »Bilanz der Krisenpolitik in Griechenland«, Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Fraktion Der Linken, Bundestagsdrucksache 18/4169 (4) Aufruf „Griechenland nach der Wahl − Keine Gefahr, sondern eine Chance für Europa.“ Er kann unter www.wp-europa-neu-begründen.de unterzeichnet werden.

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