Tag der Befreiung vom Faschismus

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8. Mai 1945

Das Bündnis „Hattingen gegen rechts“ setzte ein Zeichen Foto: IGM EN-R-W

Der 8. Mai 1945, der Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und des Endes des deutschen Nationalsozialismus, gehört zu den wenigen Jahrestagen, die in Deutschland nicht nur von Staats wegen, sondern von all jenen gewürdigt und begangen werden, denen ein politisches oder historisches Bewusstsein eigen ist: Demokraten, Gewerkschafter*innen und ehemalige Widerstandskämpfer*innen gegen den Faschismus.

Am 8. Mai 1945 ist Europa eine schwer zerstörte Region, voller Flüchtlinge und vom Krieg und Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie traumatisierter Menschen. Ein Ergebnis der Barbarei der Nationalsozialisten, und ihrer Vernichtungsfeldzüge, die rund 55 Millionen Menschen das Leben gekostet haben. Viele Deutsche, die bis zum bitteren Ende loyal zum Hitler-Regime standen, erleben den 8. Mai nicht als Befreiung, sondern als Niederlage.

In den Konzentrations- und Arbeitslagern, in den illegalen Widerstandsgruppen und unter den deutschen Emigranten sehnte man/frau jedoch den „Tag der Befreiung“ herbei. Sie wollten endlich wieder in Freiheit und ohne Angst leben, eine neue demokratische Gesellschaft aufbauen und endlich wieder freie Gewerkschaften gründen. Die Planungen vieler gewerkschaftlicher, sozialistischer, christlicher und kommunistischer Gruppen sahen tief greifende Maßnahmen vor: eine soziale Demokratie, ein sozialer Rechtsstaat und tiefgreifende ökonomische Veränderungen wie Vergesellschaftung der Eisen- und Stahlindustrie sowie Wirtschaftsdemokratie und Mitbestimmung für die abhängig Beschäftigten.

Die meisten Kolleginnen und Kollegen, die auch in den Städten Gevelsberg, Hattingen, Milspe, Schwelm, Witten und Wuppertal frühzeitig den Wiederaufbau der Gewerkschaften in Angriff genommen haben, standen im Widerstand gegen das Nazi-Regime und sahen sich als treibende anti-faschistische Kräfte beim Aufbau der neuen demokratischen Gesellschaftsordnung. Sie waren überzeugt, dass es keine Spaltung der deutschen Gewerkschaftsbewegung mehr geben darf. Für sie galt: „Die Einheit hüten wie einen Augapfel“.

Vom Kriegsende bis 1947/48 stand ein kleines Fenster für weitergehende Reformen offen, danach begann in der BRD die Restauration, begünstigt durch die unterschiedlichen außen- und sicherheitspolitischen Interessen der Siegermächte: Der Ost- West-Konflikt und der Kalte Krieg begannen. Die machtpolitische Vereinnahmung der beiden Teile Deutschlands – BRD und DDR – durch die beiden „Supermächte“ – USA und Sowjetunion – und die Beibehaltung der kapitalistischen ökonomischen Strukturen, die den Nationalsozialismus ermöglicht hatte sowie das Wiedererstarken der Eliten in Staat und Wirtschaft, verhinderten in Westdeutschland allerdings tiefgreifende Reformen.

Das erinnerungspolitische Interesse an den 8. Mai 1945 nahm in den folgenden Jahrzehnten verschiedene Formen an und setzte unterschiedliche Akzente – im Osten und im Westen. Das lange vorherrschende Gefühl einer Niederlage ist einem breit geteilten Gefühl und Verständnis von Befreiung gewichen. Als Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) am 8. Mai 1970 eine Regierungserklärung im Bundestag abgab, wurde er von CDU/CSU-Abgeordneten, die zuvor schon versucht hatten, seine Rede überhaupt zu unterbinden, so beschieden: „Niederlagen feiert man nicht“ und „Schande und Schuld verdienen keine Würdigung“.

50 Jahre später, übernehmen Politiker der AfD diese schändliche Rolle als Provokateure. „Die Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande (Holocaust-Denkmal) in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, brüllte der rechtsradikale Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke im Jahr 2017 im Dresdner Ballhaus Watzke  Die Rede des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäckers nannte Höcke eine „Rede gegen das eigene Volk“. 

Am 8. Mai 1985 hatte Bundespräsident von Richard von Weizsäcker (CDU) in einer Rede die Bedeutung des Tages neubewertet –als ein Tag der Befreiung – der Befreiung vom Faschismus, von einer mörderischen Diktatur, vom Kriegsalltag. Eine neue Generation in Wirtschaft, Politik und Geisteswissenschaften sah, da ohne persönliche Verstrickung und dadurch veranlasste Verdrängung, gelassener auf die deutsche Vergangenheit. So erklärte 15 Jahre später Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bei einer Ausstellungseröffnung in Berlin: „Niemand bestreitet heute mehr ernsthaft, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung gewesen ist – der Befreiung von nationalsozialistischer Herrschaft, von Völkermord und dem Grauen des Krieges.“

Am 26. Januar 2020 wandte sich die 95-jährige Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano in einen offenen Brief „An die Regierenden und alle Menschen, die aus der Geschichte lernen wollen“: „Es ist für uns

Überlebende unerträglich, wenn heute wieder Naziparolen gebrüllt werden, wenn Menschen durch die Straßen gejagt und bedroht werden, wenn Todeslisten kursieren.“ Sie forderte: Der 8. Mai, der Tag der Niederschlagung des NS-Regimes, soll ein Feiertag werden; das könne dazu beitragen, „zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war“. Mittlerweile hat Esther Bejarano gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) die Petition „8. Mai zum Feiertag machen! Was 75 Jahre nach Befreiung vom Faschismus getan werden muss!“ (www.change.org/8mai), auf den Weg gebracht.

Darin heißt es: Die Lehren des 8. Mai umzusetzen, bedeutet

  • AfD, NPD und ihre Verbündeten aufzuhalten, sowie das Treiben gewalttätiger und mordender Neonazis zu unterbinden, ihre Netzwerke in Polizei, Bundeswehr aufzudecken und aufzulösen,     
  • einzugreifen, wenn Juden, Migranten und Flüchtlinge, die nicht in das Weltbild von Nazis passen, beleidigt und angegriffen werden,     
  • die Diffamierung und Behinderung demokratischer und antifaschistischer Gruppen und Organisationen durch Geheimdienste und Finanzämter zu beenden.

Es muss gestritten werden für die neue Welt des Friedens und der Freiheit, die die befreiten Häftlinge im Schwur von Buchenwald als Auftrag hinterlassen haben. Nicht nur, aber eben auch am 8. Mai.

Autor: Otto König

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