Über 50.000 setzten in Berlin ein starkes Zeichen

Über 50.000 setzten in Berlin ein starkes Zeichen

IG Metaller*innen for Future

Über 50.000 Menschen sind bei der #Fair Wandel-Demo der IG-Metall in Berlin auf die Straße gegangen. Der Straße des 17. Juni zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor ist für Stunden fest in der Hand der IG Metaller*innen. Aus ganz Deutschland sind die Kolleginnen und Kollegen in die Hauptstadt gekommen, um in Zeiten der Digitalisierung und des Klimawandels für einen fairen und nachhaltigen Umbau der Wirtschaft zu demonstrieren, mit dem Ziel, das Land zu „fairwandeln“, damit es gerecht und lebenswert, ökologisch und demokratisch für Alte und Junge bleibt.

Stahlkocher sind gekommen, Autobauer und Angestellte aus Fabriken. Arbeitnehmer*innen aus der Metall- und Elektro-, der Stahl-, der Textil-, Holz- und Kunststoffindustrie und auch aus der Informations- und Kommunikationstechnologiebranche sind dabei. „Der Umstieg auf umweltfreundlichere Produktionsweisen und immer digitaler werdende Prozesse, die mutwillige Zerstörung der Umwelt aus Profitgier und die Zukunft der Jugend bereitet ihnen Sorge,“ so die Erste Bevollmächtigte Clarissa Bader inmitten der Demonstrierenden. Der Wandel in der Industrie werde für die Beschäftigten nur gelingen, wenn die IG Metall nicht nur heute, sondern auch künftig „mit weiteren Aktivitäten Druck auf Unternehmen und Regierung“ ausüben werde.

In vielen Gesprächen ist zu spüren: Unsicherheit hat sich unter den Kollegen breitgemacht. In der Autobranche sinken die Absatzzahlen. Ford, VW, Daimler und Co. haben bereits angekündigt, Zehntausende Stellen streichen zu wollen. Die Autobauer haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Sie setzen auf teure, panzerähnliche Pkw, die viel Sprit schlucken und die Straßen vollstopfen. „Zukunftssichere Arbeitsplätze, aber nicht auf Kosten der Umwelt“, fordern deshalb die IG Metaller*innen.

Die IG Metall-Jugend demonstriert durch Berlin – Foto: privat

„Systemwandel statt Klimawandel“

Dass bei den Umbrüchen in den Betrieben arbeitende Menschen oft auf der Strecke bleiben und die Ängste vor dem Verlust gut bezahlter Jobs real sind, zeigt sich schon morgens auf der Demo der IG-Metall-Jugend, an der auch 50 Jugendliche aus unserer Region teilnahmen, die bereits am Freitag angereist waren. Es geht vom Roten Rathaus durch das Regierungsviertel zum Brandenburger Tor. Dennoch ist die Stimmung ausgelassen. Riesige Bälle fliegen durch die Reihen, auf denen „Ausbildungsplätze fairteidigen“ steht. Auf vielen selbstgemachten Transparenten werden Forderungen, vor allem zur Ausbildung und zum Schutz der Umwelt gestellt. Für einen „Systemwandel statt Klimawandel“, heißt es und Politik und Arbeitgeber müssen massiv in Zukunftsprodukte investieren. Auf anderen Transparenten wird ein klares Profil der Gewerkschaft gegen Rüstungsexporte, Aufrüstung und Militarisierung eingefordert.

Vor der Vertretung der EU-Kommission am Brandenburger Tor steigt Qualm aus einem selbstgebastelten „Hochofen“ auf. Mit der Aktion für eine umweltfreundliche Zukunft wird eine Anpassung der weltweiten Kohlendioxidemissionen an europäische und deutsche Standards gefordert. Mit einem symbolischen Hürdenlauf vor der Humboldt-Universität protestieren junge Leute gegen Schwierigkeiten beim dualen Studium mit betrieblicher Ausbildung. Am Boulevard „Unter den Linden“ wird eine symbolische Mauer eingerissen, für den Wunsch nach einem Durchbruch bei der 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland.

Kolleg*innen aus der Region Ennepe-Ruhr-Wupper zeigen in Berlin Flagge – Foto: privat

Große Einigkeit herrscht unter den Beteiligten, dass es Zeit ist, für die Arbeitsplätze und den Schutz der Umwelt zu kämpfen. Auch Sadi Demir ist mit seinen Kollegen von Dieckerhoff Guss in Gevelsberg zur Kundgebung vor das Brandenburger Tor gekommen. Als Beschäftigte eines Zulieferers der Autoindustrie wissen sie, welche Probleme mit der Umstellung vom Verbrennungsmotor auf E-Mobilität auf sie zu kommen. Die IG Metall geht davon aus, dass in 54 Prozent der Betriebe in der Branche die Zahl der Arbeitsplätze sinken wird. Vor allem für Zulieferer kann die Transformation existenzgefährdend werden. „Deshalb müssen wir heute den Arbeitgebern und der Politik klare Kante zeigen. Es ist ein gutes Gefühl, mit so vielen gemeinsam zu demonstrieren,“ sagt der Betriebsratsvorsitzende.

Maurice Eichler von DEW Witten war auch mit in Berlin und hat ein klares Zeichen für Transformation mit Plan gesetzt: „Ohne uns ohne Plan! – Wir in der Stahlindustrie sind ständig in Veränderungsprozessen, so wie unsere Kollegen in den anderen Branchen auch. Wir fordern mehr Unternehmerische Mitbestimmung ein, um die Zukunft zu gestalten.“

Aus den Geschäftsstellen Gevelsberg-Hattingen, Witten und Wuppertal haben sich trotz hochsommerlicher Temperaturen rund 280 Kolleginnen und Kollegen auf den Weg in die Hauptstadt gemacht. Schon auf ihren roten T-Shirts und Mützen geben sie zu erkennen, worum es ihnen geht: „Stillstand hat noch nie etwas bewegt“ oder „Ohne Plan? Ohne uns!“ lauten die aufgedruckten Slogans. „Es gibt einen riesigen Wandel. Wenn die Unternehmen jetzt nicht aufpassen, werden sie abgehängt, und viele sind darauf nicht vorbereitet,“ sagt auf dem Weg zum Brandenburger Tor der Zweite Bevollmächtigte Mathias Hillbrandt, der mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen aus Witten im Sonderzug angereist ist: „Wir bekommen den Klimawandel nur in den Griff, wenn sich in den Unternehmen sowohl bei den Produkten als auch in der Produktion Grundsätzliches ändert“, und das sei notwendig, denn „wir wollen unseren Planeten unseren Kindern in einem lebenswerten Zustand überlassen“.

„Ökologie und gute Arbeit kein Widerspruch“

Das Berlin Boom Orchestra spielt den ersten Song ― Reggae. Die ersten Metaller*innen fangen an, unter strahlender Sonne zu tanzen. Viele suchen Schutz vor der Sonne unter den Bäumen entlang der Straße des 17. Juni. Kaffee ist wichtig. Doch wichtiger ist Wasser. Viel Wasser. Später rockt Joris die Bühne, der Sound flirrt durch die Luft.

„Die Digitalisierung ist zugleich zerstörerisch und verheißungsvoll,“ ruft Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall, von der großen Bühne runter. „Sie krempelt unsere Arbeitswelt komplett um und greift tief in unseren Alltag ein.“ Der Gewerkschaftsvorsitzende gibt sich kämpferisch: Die Klimakatastrophe sei „von Menschen gemacht“ und müsse jetzt auch von Menschen gestoppt werden. Zwischen Umweltschutz und Arbeitsplätzen dürfe es keinen Widerspruch geben.
„Eigentum verpflichtet zum nachhaltigen Wirtschaften“, ermahnt er die Arbeitgeber, denen er angesichts des Abbaus von Arbeitsplätzen »soziale Kälte« vorwirft. Digitalisierungsgewinne seien in gute Arbeit zu investieren, statt sie in den Taschen der Aktionäre landen zu lassen. Die Bundesregierung müsse „endlich massive Investitionen in Zukunftsprodukte, in Qualifizierung, in Ladestationen für E-Autos, in Stromnetze und öffentlichen Nahverkehr“ tätigen, so Hofmann.

Die Welt muss klimafreundlicher und gerechter werden

An dem Aktionstag nehmen auch Sozial- und Umweltverbände teil. Über einen »historischen Schulterschluss« freut sich Olaf Tschimpke vom Naturschutzbund NABU. „Wir dürfen nicht zulassen, dass ein Keil zwischen Klimaschutz und Beschäftigteninteressen getrieben wird,“
Diakonie-Präsident Ulrich Lilie ruft dazu auf, technischen Fortschritt und gesellschaftliche Veränderungen sozial gerecht und ökologisch zu gestalten. Dafür müssten auch „Allianzen für Menschlichkeit vor Ort“ gebildet werden. Die Zukunft dürfe nicht „den Rattenfängern und Menschenfeinden überlassen“ werden, betont der evangelische Theologe. VdK-Präsidentin Verena Bentele fordert eine Grundrente für alle: „An der Rente wird sich zeigen, ob die Politik den Sozialstaat fit macht für die Zukunft. Der Gedanke an die finanzielle Situation im Alter macht fast allen Deutschen große Sorgen.“

„IG Metall Jugend for Future“ – Foto: Thomas Range

Zum Abschluss der Kundgebung ergreift Jasmin Gebhardt, Vertreterin der IG Metall Jugend, das Wort: „Die Welt muss nicht nur klimafreundlicher, sondern auch gerechter werden. Es geht auch darum, die gesellschaftlichen Verhältnisse besser zu machen,“ fordert die 22-Jährige, die als Industriemechanikerin beim Automobilzulieferer Schaeffler arbeitet.

Müde? Sonnenerschöpft? Ein bisschen? Schließlich ist es ein langer Tag. Doch dann kommt noch ein Muntermacher: Culcha Candela! Die Gruppe stürmt auf die Bühne, die Bässe pumpen. Los geht’s. Zuvor hatte Clueso das Publikum gefeiert: „Ohne Euch wäre das nur eine Bühne ― mit Euch ist es ein Fest!“ Tosender Applaus. Kolleginnen und Kollegen tanzen erneut unter blauem Himmel. Müde kann man später sein – im Autobus auf der langen Rückfahrt ins Ruhrgebiet und ins Bergische Land.
In 800 Bussen und zehn Sonderzügen der Deutschen Bahn geht es zurück in die Heimatorte im ganzen Bundesgebiet mit viel neuer Energie für die täglichen Herausforderungen.

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