„Ungerechtigkeiten kann ich nicht ab“

„Ungerechtigkeiten kann ich nicht ab“

Andreas Steinke, Mitglied im Ortsvorstand

An das Jahr 2002 erinnern sich die Beschäftigten von Bharat Forge CDP in Ennepetal nur mit Zorn zurück. Nachdem die Geldinstitute Deutsche Bank, Commerzbank und Sparkasse sich geweigert hatten, weitere Kredite zu gewähren, meldete Geschäftsführer Eckhard Rudau beim Amtsgericht Hagen für den Altenvoerder Traditionsbetrieb Insolvenz an. „Rund 730 Arbeitnehmer*innen in Ennepetal und Daun in der Eifel standen über Nacht vor der Frage: was wird aus unserem Arbeitsplatz?“, schildert der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Andreas Steinke die kritische Situation damals. Mit Unterstützung des Düsseldorfer Insolvenzverwalters Dr. Winfried Andres und der IG Metall sei es nach langem Ringen letztlich gelungen, den Fortbestand des Unternehmens durch die indische Kalyani-Gruppe als neuem Eigentümer zu sichern. „Dass über Hundert unserer Kollegen ihren Arbeitsplatz verloren haben, hat uns alle getroffen, das möchte ich nicht noch einmal erleben müssen“, sagt der Gewerkschafter, der im Dezember 2018 neu in den Ortsvorstand der IG Metall Gevelsberg-Hattingen gewählt wurde.

Es war 1968, als Andreas Steinke in Rotthausen, im südlichen Stadtteil Gelsenkirchens an der Grenze zur Stadt Essen, geboren wurde. Was der gerade auf die Welt Gekommene noch nicht wusste, es sollte ein bewegtes Jahr in der Bundesrepublik werden. Die Studenten revoltierten, es war die Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs aus einer Zeit des verstaubten Miefs der Nachkriegszeit hin zu einer neuen Phase, in der es hieß: „Mehr Demokratie wagen.“ Nun ist nicht überliefert, ob Andreas dadurch unbewusst beeinflusst wurde, sich später für Benachteiligte zu engagieren. Fest steht jedoch: Er war von Anfang ein Schalke-Fan, „das bekommt man bei uns in die Wiege gelegt“.

Hier im Südwesten der Ruhrgebietsstadt ist Andreas aufgewachsen, begeisterte sich für Fußball, Judo und Kickboxen und hat sich mit seinen Freunden die Musik der Rockbands Led Zeppelin, Deep Purple und Status Quo reingezogen, denen er bis heute als Fan treu geblieben ist. Nach seinem Realschulabschluss begann er bei der Niederlassung von Audi/VW in Gelsenkirchen eine dreijährige Ausbildung zum KFZ-Mechaniker. Nach dem erfolgreichen Abschluss war Andreas in seinem Lehrbetrieb als Geselle tätig und wechselte danach zum Automobilproduzenten Opel nach Bochum.

Eine Absatzflaute Mitte der 1990iger Jahre war der Grund, dass sein zweijähriger Arbeitsvertrag nicht verlängert wurde. Währenddessen suchte der Schmiedebetrieb C.D Peddinghaus im Tal der Ennepe Produktionsarbeiter. Andreas, der bei Opel in die IG Metall eingetreten ist, bewarb sich auf eine Anzeige des Unternehmens hin, bekam eine Zusage und nahm daraufhin 1996 seine Arbeit in der Schmiede auf, in der in unterschiedlichen Funktionen bis zu seiner Freistellung als Betriebsratsmitglied tätig war.

„Es war unser damaliger Betriebsratsvorsitzender Rainer Rentrop der mich vor der Betriebsratswahl 2002 auf eine Kandidatur angesprochen hatte“, erzählt Andreas Steinke, denn in der Schmiede hatte es keinen gewählten Interessenvertreter gegeben. Rainer sei bei ihm auf offene Ohren gestoßen: Denn was er nicht abkönne „seien Ungerechtigkeiten im Betrieb gegenüber ausländischen und deutschen Kollegen, die sich nicht wehren können“. „Ihnen zu helfen und mit ihnen gemeinsam für bessere Arbeits- und Entgeltbedingungen zu sorgen, ist mir ein großes Anliegen“, so der IG Metaller, der 2002 erstmals in das Betriebsratsgremium gewählt wurde. Jahre später wählten ihn die IG Metall-Mitglieder in die Delegiertenversammlung der Geschäftsstelle Gevelsberg-Hattingen.

Wie wichtig ein Betriebsrat und die IG Metall für die Arbeitnehmer sind, hätten sie erneut im Jahr 2006 erfahren, als die Interessenvertretung zur Verhinderung der geplanten Kahlschlagsanierung durch die Geschäftsführung, unter einbeziehen von betrieblichen Kolleginnen und Kollegen verschiedener Hierarchiestufen und mit Unterstützung externer Berater der Projekt-Consult GmbH (PCG) aus Essen, das Zukunftsprojekt „Fabrik der Zukunft“ erarbeitete. „Leider haben die damaligen Geschäftsführer nicht begriffen, welche guten Ideen im Workshop und in den Arbeitsgruppen entwickelt wurden“, schätzt Andreas Steinke im Nachhinein ein. Doch für den Betriebsrat und die Vertrauensleute sei es wichtig gewesen, dass der Restrukturierungsplan, der im Kern den Abbau von 270 Stellen bedeutet hätte, vom Tisch genommen werden musste.

Inzwischen bildet Andreas mit dem Betriebsratsvorsitzenden Udo Kuhlmann die Betriebsratsspitze. „Unser Anspruch ist es jedoch möglichst alle Betriebsratsmitglieder an der Arbeit der Interessenvertretung aktiv zu beteiligen“, erläutert der stellv. Betriebsratsvorsitzende. So hätten sie wieder die Arbeit der Ausschüsse angeschoben wie zum Beispiel den Arbeits- und Gesundheitsausschuss, „der inzwischen einiges umsetzen konnte“. Betriebsratsmitglieder gehen mit zu Besprechungen. Aktuell setze sich das Gremium mit der Bildung eines Gesamt- und/oder Konzernbetriebsrates und der Wahl eines Aufsichtsrates auseinander. Nicht zu vergessen natürlich die Umsetzung des Metall-Tarifvertrages vom Frühjahr 2018 wie die Wahloption für Schichtarbeiter*innen und Beschäftigte mit bis zu acht Jahre alten Kindern sowie pflegebedürftigen Angehörigen, das ab 2019 anstehende „Tarifliche Zusatzgeld“ (TZUG) in Höhe von 27,5% eines Monatsentgelts in acht zusätzliche freie Tage umzuwandeln. „Wir haben den Zug auf die Schiene gesetzt, jetzt muss er ins Rollen kommen“, so Andreas.

Alle diese Aktivitäten, die damit verbundenen Probleme und Schwierigkeiten bleiben natürlich nicht in den Kleidern im Spind im Betrieb hängen, sondern werden auch mit nach Hause genommen. Gefragt, wie er denn seinen Stress in der Freizeit abbauen könne, berichtet Andreas von seinen Aktivitäten als Sportschütze beim SLG (Schießleistungsgruppe) Langendreer, und seine Teilnahme im November an der Weltmeisterschaft in.Südafrika. Doch besonders abschalten könne er, wenn er und seine Frau Daniela gemeinsam auf ihren Harleys-Davidson-Motorrädern auf Kurztrips unterwegs sind. Und wie zur Untermalung seiner Aussage, erklingt in diesem Moment auf seinem Handy der entsprechende Sound.

Andreas Steinke (r) mit den Mitgliedern des Ortsvorstandes Udo Kuhlmann und Claus Möller (v.l.n.r) auf der IG Metall-Kundgebung während der Tarifrunde 2018 in Gevelsberg – Foto: IGM GH-Archiv

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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