Unmut führte zur Betriebsratswahl

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Manfred Hartmann, Betriebsratsvorsitzender Bodycote Spockhövel

Seit rund 20 Jahren gibt es die IG Metall- Aktion „Tatort Betrieb“.  Am Beispiel ausgewählter Themen skandalisieren und politisieren GewerkschafterInnen inhumane Verhältnisse am Arbeitsplatz und entwickeln konkrete Vorschläge für einen ganzheitlichen Arbeits- und Gesundheitsschutz. Wie wichtig gerade dieses Thema für ArbeitnehmerInnen in Metallbetrieben ist, erfuhr Manfred Hartmann, Betriebsratsvorsitzender der Bodycote Wärmebehandlung GmbH in Sprockhövel, am eigenen Leib.

Guido Wingens, der vorige Besitzer der Härterei,  konnte sich weder mit „Guter Arbeit“, also mit Arbeits- und Gesundheitsschutz, noch mit „Guter Bezahlung“ für seine 45 Beschäftigten anfreunden. Einer von ihnen war Manfred Hartmann, der 1992 in der Härterei an der Bochumer Straße die Arbeit als Schweißer aufnahm. Zwei Jahre später bei einer Untersuchung im Werksarztzentrum wurden bei ihm erhöhte Werte von Chrom und Nickel im Blut festgestellt.

„Das war eindeutig auf das Fehlen vernünftiger Maßnahmen zum Arbeitsschutz beim Schutzgasschweißen zurückzuführen“, erklärt Manfred, der danach in die Instandhaltung wechselte. Der Metaller machte jetzt erst recht die Verbesserung des  Arbeitsbedingungen am Arbeitsplatz zu seinem Thema.

„Gleichzeitig nahm in dieser Zeit auch die Unruhe unter den Kollegen wegen der miserablen Bezahlung zu“, schildert das langjährige IG Metall-Mitglied wie es 1995 zur ersten Betriebsratswahl in der Härterei kam.  Als „Rädelsführer“ wurde er natürlich in das Betriebsratsgremium gewählt und übernahm den Vorsitz. Das ein Jahr später verabschiedete Arbeitsschutzgesetz „bildete eine gute Grundlage für unsre Arbeit als neugewählter Betriebsrat“. Schließlich übernahm er zusätzlich die Funktion des Sicherheitsbeauftragten im Betrieb.

Manfred Hartmann wurde 1958 „tief im Westen“, wie Herbert Grönemeyer singt, in Bochum geboren. Doch schon bald verschlug es ihn über die Ruhr nach Hattingen. Unterhalb der Burg auf dem blanken Steyne (Blankenstein), in der Straße „Zu den sieben Hämmern“, wuchs Manfred auf. Wie viele in seinem Alter begeisterte er sich fürs Fußball spielen. Beim TUS Blankenstein lief er für die 1. Mannschaft auf.

Im Jahr 1974 begann er bei der Maschinenfabrik Paul Pleiger im Hammertal seine Ausbildung als Betriebsschlosser. Hier traf er wieder auf seinen Fußballtrainer Klaus Eisenhardt, dieser war der Ausbilder bei Paul Pleiger. „Das war schon komisch: Im Training duzten wir uns, im Betrieb musste ich ihn siezen“, erzählt Manfred. Den Facharbeiterbrief in der Tasche, bekam er jedoch nicht den zugesagten Arbeitsplatz an der Anreißplatte, sondern wurde in der Gießerei eingesetzt. Er entschied sich daraufhin, auf die weiterführende Schule zu gehen und Fachabitur zu machen.

Nach seiner Bundeswehrzeit nahm der junge Facharbeiter im Kleinbetrieb Scharfenberg – eine Werkzeugmacherei mit fünf Beschäftigten in Sprockhövel –  die Arbeit auf. „Nach dreizehn Jahren war Schluss, Gläubiger wie die AVU die auf die Begleichung ausstehender Rechnung warteten, sorgten dafür, dass der Geschäftsführer Konkurs (Insolvenz) anmeldete“, erzählt Manfred. So kam er 1992 zur Härterei Wingens am gleichen Ort.

Es war der Hattinger IG Metall-Sekretär Bernd Lauenroth, der den Betriebsratsvorsitzenden Manfred Hartmann, während eines Wochenendseminares für Kleinbetriebe in die IG Metall aufnahm. „Mir wurde in den Gesprächen mit Bernd klar, dass wir über den Tellerrand hinaus schauen mussten, und dass die nur organisiert geht“, sagt Manfred: „Vor allem nach dem wir uns den Abschluss eines Anerkennungs- bzw. Haustarifvertrages zum Ziel gesetzt hatten. Dies war ohne die IG Metall nicht zu erreichen“.  Die ersten gemeinsamen Anläufe des Betriebsrates und der IG Metall Hattingen scheiterten an der unnachgiebigen Haltung des Geschäftsführers Wingens.

Als sich dieser 1999 entschied seinen Betrieb an die Bodycote Gruppe in Macclesfield in Großbritannien, die an 190 Standorten in 27 Ländern vertreten ist, zu verkaufen, „ergab sich für uns die Möglichkeit dieses Thema erneut anzupacken“. Auf Initiative von Bernd Lauenroth und unter Koordination des Stuttgarter Bezirkssekretärs Uli Petry sei es schließlich gelungen für die damaligen 800 Beschäftigten in Deutschland einen Haus-Tarifvertrag abzuschließen. „Das bedeutete für die Kollegen nicht nur höhere Löhne. Wir hatten auch zum ersten Mal Stellenbeschreibungen im Betrieb“, fasst Manfred das erfreuliche Ergebnis zusammen, was in der Folge dazu führte, dass sich mehr Beschäftigte in der IG Metall organisierten.

Allerdings brachte die Mitarbeit im Gesamtbetriebsrat, dessen stellvertretender Vorsitzender Manfred heute ist, nicht nur Erfolge. Ihm kommt dabei 2009 ein wirtschaftlich schwieriges Jahr in den Sinn, in dem es sowohl bundesweit als auch in Sprockhövel zum drastischen Personalabbau kam. Der Gesamtbetriebsrat, dem inzwischen sieben Betriebsratsgremien angehören – an sieben weiteren Standorten gibt es keine gewählte Interessenvertretung – musste über einen Interessenausgleich und Sozialplan verhandeln. Die Belegschaften wurden in Deutschland auf 400 Beschäftigte abgeschmolzen, in Sprockhövel auf 22 halbiert. „Schwierig ist es schon deshalb gewesen, weil man in Großbritannien wenig Verständnis für die betriebliche Mitbestimmung in Deutschland aufbringt“, so der Betriebsratsvorsitzende.

Aktuell haben sie sich als Interessenvertretung das Thema „Digitale Personalakte“, die die bisherige Handakte ablösen soll, auf die Agenda gesetzt. Es gehe vor allem um datenschutzrechtliche Fragen und „die wollen mit einer Betriebsvereinbarung regeln“, so Manfred. Unterstützung leiste ihnen neben der IG Metall Geschäftsstelle Gevelsberg-Hattingen der Gevelsberger Rechtsanwalt Lutz Ellinghaus.

Ohne Zweifel die Gartenarbeit auf dem Grundstück unterhalb der Burg, das an den historischen „Gethmannschen Garten“ in Blankenstein angrenzt, hilft ihm den Stress, den er von der Arbeit mit nach Hause bringt, abzubauen, aber auch das gute Verhältnis zu seiner 12jährigen Tochter und seiner neuen Partnerin. Und nicht zuletzt seine Leidenschaft für den VFL Bochum, obwohl schränkt er ein, „als Fan muss man da schon gute Nerven haben.“

Foto:  Manfred Hartmann, Betriebsratsvorsitzender der Firma Bodycote Wärmebehandlung GmbH in Sprockhövel – Foto: IGM GH

 

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