Wenn die Arbeit zum Knochenjob wird

Wenn die Arbeit zum Knochenjob wird

DGB-Index: „Gute Arbeit“

Lasten heben, Arbeiten über Kopf, in der Hocke oder im Knien: Auch im Zeitalter der voranschreitenden Digitalisierung und trotz des Einsatzes von Industrierobotern arbeitet immer noch mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland körperlich hart – ein Drittel muss dies sogar regelmäßig tun, 25 % selten. Das geht aus einer Auswertung der Befragung zum „DGB-Index Gute Arbeit“ 2018 hervor, der auf Angaben von über 8000 Arbeitnehmer*innen basiert.

Das gilt nicht nur Beschäftigte, die in der Produktion oder auf dem Bau arbeiten. Auch in vielen Dienstleistungsbereichen ist die Arbeit körperlich belastend: Von den Beschäftigten in Pflegeberufen gehören 74 Prozent zu den Betroffenen, in Verkaufsberufen 53 Prozent. Das Geschlecht spielt kaum eine Rolle: Frauen sind mit 27 Prozent fast genauso stark belastet wie Männer mit 33 Prozent. In Berufen im Sicherheits- und Reinigungsgewerbe, im Bereich Erziehung, Soziales und Kultur oder Lehrberufe Frauen sogar deutlich höher belastet als Männer.

Die Befragung hat ergeben, dass körperlich schwere Arbeit besonders oft von Beschäftigten geleistet wird, die ohnehin schon unter schwierigen Verhältnissen arbeiten wie beispielsweise Schicht- oder Leiharbeiter*innen. Leiharbeiter*innen sind mit einem Anteil von 53 Prozent, Geringqualifizierte mit 52 Prozent und Schichtarbeiter*innen mit 50 Prozent betroffen.

Eine erstaunliche Kluft, was körperliche Arbeit angeht, zeichnet sich auch ab, wenn man einen Blick auf das Einkommen der Beschäftigten wirft: Diejenigen die zwischen 800 und 2000 Euro brutto im Monat verdienen, müssen sehr viel öfter (42 Prozent) körperlich hart arbeiten als jene, der mehr als 4.000 Euro bekommen (6 Prozent).

Harte körperliche Arbeit: schlechter Gesundheitszustand

„Diese Belastungen wirken sich auch auf die Psyche und das Gesamtbefinden aus“, erklärt der Deutsche Gewerkschaftsbund. Körperlich harte Arbeit ist meist mit mehr Hetze am Arbeitsplatz verbunden und die Beschäftigten würden weniger Respekt und Wertschätzung erfahren. Gleichzeitig sind sie höheren Anforderungen an die emotionale Selbstkontrolle ausgesetzt, müssen ihre Gefühle also häufiger als andere verbergen. Erschreckend ist, dass 14 Prozent der Befragten bei der Umfrage antworteten, dass sie während eines Arbeitstages nie die Möglichkeit haben, sich von der schweren Arbeit zu erholen, indem sie zum Beispiel eine andere Tätigkeit machen oder eine zusätzliche Pause einlegen könnten. Erholungsphasen sind insbesondere im verarbeitenden Gewerbe, aber auch im Gesundheits- und Sozialwesen rar gesät.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Arbeitnehmer*innen, die regelmäßig hart arbeiten, ihren Gesundheitszustand schlechter einschätzen als andere. Als gut oder sehr gut beschreiben 73 Prozent der Befragten, die nie Schwerarbeit leisten, ihre gesundheitliche Verfassung, aber nur 49 Prozent derjenigen, die das sehr häufig tun müssen. Die Bedeutung körperlicher Belastung für die Gesundheit der Beschäftigten wird nicht zuletzt beim Blick in die „Arbeitsunfähigkeitsstatistik“ klar: Die meisten Ausfalltage gehen immer noch auf Muskel- und Skeletterkrankungen zurück – noch vor den psychischen Erkrankungen.

Auch die Zahl derer, die davon ausgeht, dass sie unter diesen Bedingungen nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter arbeiten kann, ist höher als bei denen, die keiner körperlich beanspruchenden Arbeit nachgehen: Nur 21 Prozent derer, die sehr oft körperlich schwer arbeiten, erwarten, dass sie bis zum Rentenalter durchhalten können. Bei denen, die nie körperlich anspruchsvoller Arbeit nachgehen, sind es 65 Prozent.

Dies wird auch durch eine weitere Studie untermauert, die der DGB in Auftrag gegeben hatte, dabei wurde untersucht, wie lange jemand, der das 65. Lebensjahr erreicht hat, voraussichtlich noch zu leben hat. Zusammengefasst lautet das zentrale Ergebnis: Wer in seinem Arbeitsleben hohen Belastungen ausgesetzt war, stirbt früher als andere. Schlechte Arbeitsbedingungen beeinflussen also nicht nur das unmittelbare Wohlbefinden, sondern wirken über das Erwerbsleben hinaus. So können z.B. Beschäftigte im Bergbau nach Erreichen des 65. Lebensjahres statistisch gesehen noch etwa 11 Jahre zu leben, Techniker dagegen rund 17 (Männer) oder 20 Jahre (Frauen). Über alle Branchen und Berufsgruppen hinweg liegt die so genannte ferne Lebenserwartung also bei Menschen mit einer sehr niedrigen Arbeitsbelastung knapp zwei Jahre über dem Durchschnitt, bei Menschen mit einer sehr hohen Belastung ein Jahr darunter.

„Jene, die ein höheres Rentenalter fordern, nehmen damit neue Ungerechtigkeiten in Kauf, denn wer früher stirbt, bekommt auch eine kürzere Zeit Rente,“ so das DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Schließlich lässt sich ein Knochenjob nicht bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter durchhalten, wer es gesundheitsbedingt nicht bis zum Rentenalter schafft, muss die Möglichkeit bekommen, ohne Rentenabschläge vorher ausscheiden zu können. Deshalb ist es notwendig, die Übergänge aus dem Erwerbsleben in die Rente flexibel zu gestalten.

Präventive Arbeitsgestaltung und vorausschauender Gesundheitsschutz notwendig

Körperlich harte Arbeit wird unter Bedingungen geleistet, die von den Beschäftigten als gestaltbar eingeschätzt werden. So sind 56 Prozent der Befragten überzeugt, dass eine positive Veränderung der Arbeitsbedingungen an ihrem Arbeitsplatz dafür sorgen würde, dass sich ihr Gesundheitszustand verbessert. Von den Betroffenen, die unter schlechten Arbeitsbedingungen leiden, sind 82 Prozent der Auffassung, dass ihnen mit besseren Arbeitsbedingungen enorm geholfen werden könnte.

„In der Debatte um die moderne digitale Arbeitswelt kommt das Thema körperliche Belastungen bislang vielfach zu kurz,“ kritisiert Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandmitglied der IG Metall. Daraus ergebe sich ein arbeitspolitischer Handlungsauftrag, dem sich die Arbeitgeber und die Politik nicht entziehen dürfen. Mit Nachdruck plädiert die Gewerkschaft dafür, gerade in der historischen Phase des Umbruchs, die Instrumente einer präventiven Arbeitsgestaltung im Sinne eines vorausschauenden Gesundheitsschutzes zu nutzen. Um die Beseitigung unzumutbarer Belastungen voranzutreiben, hat die IG Metall die Initiative ‚Runter mit der Last‘ gestartet.

Technologisch bedingte Veränderungen in der Arbeitswelt könnten sehr wohl zur Entlastung beitragen, wenn Roboter oder Assistenzsysteme dazu beitragen, physische Anforderungen zu verringern. Gleichzeitig sollte wo immer möglich durch einen Wechsel der Tätigkeit oder durch zusätzliche Pausen für Entlastung der betroffenen Beschäftigten gesorgt werden.

Gleichzeitig gilt es zu verhindern, dass die Digitalisierung zu einer weiteren Entgrenzung und Verdichtung von Arbeit führt.

Foto: DGB Sergei Panasenko

 

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