„Wir haben Alternativen zur Arbeitsplatzvernichtung aufgezeigt“

„Wir haben Alternativen zur Arbeitsplatzvernichtung aufgezeigt“

Dirk Kolwe, ehemaliger stellv. Betriebsratsvorsitzender von Avery Dennison

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Neben der Bergbauzuliefer-Industrie prägte die Web-Etikettenproduktion über Jahrzehnte die wirtschaftliche Entwicklung in Sprockhövel. „Bornemann und Bick“ in Haßlinghausen und die 1919 in Wuppertal-Wischlingen gegründete „Bandfirma Karl Rinke“, die 1959 ihre Produktion nach Obersprockhövel verlagerte, belieferten fast ein Jahrhundert aus dem südlichen Ruhrgebiet textile Etiketten die Textil- und Bekleidungsindustrie.

„Es war in 2004 als der US-amerikanische Konzern Avery Dennison das Familienunternehmen Karl Rinke GmbH übernahm“, erinnert sich der bisherige stellv. Betriebsratsvorsitzende Dirk Kolwe. Der damalige Geschäftsführer Dr. Heinz Tischer habe die „verunsicherte Belegschaft“ mit den Worten „für sie ändert sich nichts“ zu beruhigen versucht. Doch plötzlich an einem Freitagnachmittag erhielten alle Beschäftigten einen Brief, den sie bis montags unterschrieben zurück geben sollten, „indem uns mitgeteilt wurde, dass wir ab sofort „unbezahlt länger, also 40 Stunden“ arbeiten sollten“, schildert Dirk wie es dazu kam, dass er sich zum ersten Mal an den Betriebsrat wandte. Die Mehrheit hatte damals nicht unterschrieben.

Dirk Kolwe wurde 1981 als Sohn des Krankenpflegers Rainer Kolwe in Schwelm geboren. Es war die Zeit als Anfang der 80iger Jahre Hundertausende in der Hauptstadt Bonn gegen die Nachrüstung auf die Straße gingen und die IG Metall mit ihren Mitgliedern die Durchsetzung der „35-Stunden-Woche“ in Angriff nahm. Dirk wuchs in Gevelsberg auf. Hier ging er zur Schule und machte seinen Realschulabschluss im Schulzentrum West. Ein „stiller Typ“ wäre er nicht gewesen, eher „lebendig und wissbegierig“. Mit seinem Ferienticket habe er „ganz NRW“ abgefahren. „Als mein Vater mir verbot, die ‚Tour de Ruhr‘ zu machen, habe ich halt die ‚Tour de Rhein‘ gemacht“, lächelt er verschmitzt als er dies erzählt.

Und da war und ist noch bis heute seine Leidenschaft für die Feuerwehr. Mit 14 nahm er seinen „Dienst“ bei der Jugendfeuerwehr in Gevelsberg auf, was ihm später den „Dienst an der Waffe“ in der Bundeswehr ersparte. Später wechselte Dirk Kolwe zum Löschzug nach Haßlinghausen, wo er noch heute aktiv ist, d.h. ein Funkmelder signalisiert ihm Tag und Nacht, wann er sich auf der Feuerwache einzufinden hat.

Eine Karriere als „KFZ-Lackierer“ war ihm nicht „vergönnt“, da sein Ausbildungsbetrieb für ihn und seinen miteingestellten Azubi-Kollegen, plötzlich das Ausbildungsverhältnis beendete. Bei Selbach in Sprockhövel lernte er zuerst „Handelsfachpacker“ und schloss daran noch eine aufbauende Ausbildung zur „Fachkraft für Lagerwirtschaft“ an. „Da sich in diesem Betrieb für mich keine Beschäftigungsmöglichkeit eröffnete, ging ich eine Tür weiter und nahm 2002 bei Rinke eine Tätigkeit als Fachkraft in der Lagerwirtschaft auf,“ beschreibt Dirk seine weitere berufliche Entwicklung.

Es war die Zeit als es noch „Umsatz-Koteletts“ gab, so der Gewerkschafter, der 2002 Mitglied der IG Metall wurde. Als er meinen erstaunten Blick sieht, erklärt er lachend, „immer dann, wenn der Umsatz gelaufen war, gab es einmal im Monat für alle Kartoffelsalat und Koteletts“. Doch die größeren Einschnitte kamen bei der Übernahme des Familienbetriebs durch den börsennotierten Konzern Avery Dennison mit Sitz in Pasadena /Kalifornien. 55 der 180 Beschäftigten verloren 2004 ihren Arbeitsplatz. Dr. Tischer musste die Geschäftsführung an Gihan Attapattu übergeben und auf der Seite der Interessenvertretung folgte Björn Kurrek auf Winfried Rahm als Betriebsratsvorsitzender.

Drei Jahre später schluckte die Avery Dennison Corporation ihren Konkurrenten Paxar. „Für die Kosten mussten wieder die Beschäftigten bluten“, empört sich Dirk, der 2009 als Ersatzmitglied des Betriebsrates gewählt wurde, ins Gremium nachrückte und 2010 die Funktion des stellv. Betriebsratsvorsitzenden übernahm. Er schildert die Stationen des dann folgenden Kahlschlags: 2008 wurde der Paxar-Standort an der Harkortstrasse dicht gemacht, ein Jahr später die Produktion an der Kleinbeckstrasse geschlossen, danach setzte ein schleichender Abbau von Arbeitsplätzen ein und im Frühjahr 2015 kam per Mail aus der Konzernzentrale in den USA die „Order zum endgültigen Aus“.

Bei jeder Maßnahme habe sich die Belegschaft die „sattsam bekannten Sprüche“ anhören müssen wie der Konzern sei gezwungen, „Kosten zu reduzieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, die jeweilige Stilllegung oder Teilstilllegung sei notwendig, „um Prozesse zu verbessern und die Effizienz zu steigern“ und dazu sei „die Verlagerung der operativen Bereiche an Standorte mit niedrigeren Arbeitskosten“ erforderlich. „Dabei haben wir mit dem Know-how der Beschäftigten, unterstützt von der arbeitnehmernahen Essener Beratungsgesellschaft PCG und der IG Metall nachgewiesen, dass es Alternativen zur Arbeitsplatzvernichtung gibt“, erläutert Dirk und warum sie in all den Jahren nie aufgegeben, sondern sich immer gewehrt haben.

Global aufgestellte Unternehmen, hat der Gewerkschafter erfahren müssen, kennen keine „soziale Verantwortung“ für Beschäftigte und deren Familien oder etwa für eine Region; wie beim Monopoly würden sie kaufen und verkaufen, weltweit Produktbereiche übers Spielfeld schieben und Beschäftigte in eine Existenzkrise stürzen. „Und gerade deshalb ist es wichtig, dass sich Beschäftigte einen Betriebsrat wählen, der durch eine starke IG Metall unterstützt wird“, schätzt Dirk Kolwe selbstbewusst ein, denn ohne diese Interessenvertretung hätten wir niemals die erreichte „materielle Absicherung“ in Verhandlungen durchsetzen können.

Der IG Metaller Dirk Kolwe wechselte im Dezember mit seinen KollegInnen in die dem Arbeit-geber abgetrotzte Transfergesellschaft, in der Hoffnung, dass sie damit ihre Bedingungen für einen beruflichen Neustart verbessern können. Nicht nur aber auch die Einsätze mit seinem Löschzug für die Sicherheit der BürgerInnen in Haßlinghausen und seine Begeisterung für den BVB, bei dem er als 2. Vorsitzender eines Fanclubs kein Heim- und Auswärtsspiel auslässt, werden dazu beitragen, dass Dirk seinen Optimismus auch künftig nicht verlieren wird.

Foto: Dirk Kolwe (4.v.r.) mit seinen ehemaligen Betriebsratskollegen beim Bürgermister Ulli Winkelmann in Sprockhövel (3.v.l.)

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