„Wir haben uns nicht unterbuttern lassen!“

„Wir haben uns nicht unterbuttern lassen!“

Was macht eigentlich: Dieter Fraune

Die weltweite Wirtschaftskrise traf in 2008 nicht nur die Automobilproduzenten, sondern auch deren Zulieferer – so auch den Dämpfer-Spezialisten ThyssenKrupp Bilstein in Ennepetal. Es war im Frühjahr 2009 als sich die Situation im Werk zuspitzte. „Statt alle gesetzlichen und tarifvertraglichen Möglichkeiten zum Absenken der Arbeitszeit zu nutzen, um die Arbeitsplätze zu sichern, konfrontierte uns die Geschäftsführung mit Entlassungsplänen“, sagt Dieter Fraune. „Konzept Zukunft“ lautete der hochtrabende Titel. „Was der Arbeitgeber dem Betriebsrat präsentierte, reduzierte sich beim näheren Hinschauen auf die Straffung der Organisation, das Ausschöpfen vorhandener Rationalisierungspotentiale und den Abbau von 40 Arbeitsplätzen“, erinnert sich der ehemalige TKB-Betriebsratsvorsitzende.

Die gewerkschaftliche Interessenvertretung – Betriebsrat und Vertrauensleute – hätten sich nicht unterbuttern lassen. In einer „kämpferischen Betriebsversammlung“ boten die Beschäftigten den Chefs Paroli. „Früher, als es bei Bilstein die Gießerei noch gab, hieß es immer, die Schippe wird in den Sand gesteckt“, bringt Dieter Fraune die damalige Stimmung auf den Punkt. Letztlich habe sich das solidarische Handeln ausgezahlt: „Wir verlängerten die Kurzarbeitsphase bis 24 Monate, vereinbarten Aufhebungsvereinbarungen, Altersteilzeit- und Vorruhestandsregelungen und verhinderten damit die geplanten betriebsbedingten Kündigungen“, umreißt der langjährige IG Metaller ihren Erfolg.

Dieter wurde im September 1952 als Sohn des Werkzeugbauers Hubert Fraune in Altenvoerde geboren. In welcher Straße ist zwischen den Geschwistern umstritten. In diesem Ennepetaler Stadtteil besuchte er die Grundschule. Das neunte Schuljahr absolvierte er in der Harkortschule. In dieser Zeit sei „Straßenfußball“ angesagt gewesen. „Keine Ecke war vor uns sicher, überall richteten wir uns einen Bolzplatz ein“, lüftet Dieter eine kleine Ecke seiner stürmischen Jugend. Seine „Fußball-Karriere“ endete jedoch in der Schülermannschaft des „RSV Altenvoerde 1912 e.V.“.

Nicht unwesentlich trug sein Elternhaus dazu bei, dass er 1967 bei der August Bilstein GmbH (AUBI) eine Ausbildung zum Werkzeugmacher begann. Auf seine Mitgliedschaft in der IG Metall im gleichen Jahr angesprochen, lacht Dieter und erklärt: „Du hattest keine Chance den Argumenten unseres Jugendvertreters Hans-Jürgen Iske zu entkommen.“ Nach erfolgreicher Facharbeiterprüfung bildete er sich zunächst innerbetrieblich zum Technischen Zeichner weiter, bevor er ab 1973 für zwei Jahre die Technikerschule besuchte.

Mit dem Techniker-Brief in der Tasche kam Dieter in den Betrieb zurück. Der angebotene Arbeitsplatz behagte ihm nicht, also kündigte der Metaller, war sechs Monate arbeitslos, legte sich jedoch nicht auf die „faule Haut“, sondern ließ sich bei der „Johanniter-Unfall- Hilfe“ zum Rettungssanitäter ausbilden. Im Oktober 1975 kehrte Dieter Fraune dann doch wieder zu AUBI zurück und nahm in der Fertigungssteuerung eine Tätigkeit auf. Beruflich machte er innerbetrieblich seinen Weg. Schließlich übernahm er 2000 die Funktion eines Produktlinien-Leiters.

Die Überzeugung, dass es notwendig ist, sich für die KollegInnen einzusetzen, sich für die Durchsetzung ihrer berechtigten Forderungen stark zu machen, war letztlich ausschlaggebend, „dass ich bei der Betriebsratswahl 1981 für die Angestellten antrat“, beschreibt Dieter seine Beweggründe für die Kandidatur. Als Ersatz-Betriebsratsmitglied gewählt, rückte er nach dem Wechsel- von Kollegin Barbara Heckmann als Verwaltungsangestellte ins Gevelsberger IG Metall-Büro – in das Gremium auf.

Es war die Zeit des Umbruchs im Betriebsrat: Noch im gleichen Jahr stellte die Ortsverwaltung der Gewerkschaft, unter Leitung des Bevollmächtigten Hans Hirsch, ihren Betriebsratsvorsitzenden Hans-Jürgen Iske als Gewerkschaftssekretär in der Verwaltungsstelle ein. „Bernd Halladuda übernahm den Vorsitz. Wir jungen Betriebsratsmitglieder rauften uns zusammen“, erläutert Dieter. Sie hätten sich auf IG Metall-Seminaren – insbesondere auf den BR- und Wirtschaftsausschuss-Lehrgängen – das notwendige Rüstzeug geholt, um dem Arbeitgeber in Verhandlungen auf gleicher Augenhöge begegnen zu können. Fraune: „Tarifpolitisch stritten wir in den 80er-Jahren vor allem für die Durchsetzung der 35-Stunden-Woche. Besonders spannend war die betriebliche Umsetzung des mit Streik erkämpften Tarifvertrages.“

Die Nachricht, dass der 1873 gegründete und im Familienbesitz befindliche Automobilzulieferer mit Standorten in Ennepetal und Mandern an den Stahlkonzern Hoesch in Dortmund verkauft werden soll, schlug Mitte der 80er-Jahre wie eine Bombe in Altenvoerde ein. „Nicht nur die Belegschaft, sondern auch wir Betriebsräte wurden kalt erwischt, erfuhren es aus der Presse“, schildert Dieter die damaligen Vorgänge, die mit dem Verkauf zum 01. Juli 1988 abgeschlossen wurden. Danach erlebten die Bilsteiner die „Übernahme-Schlacht“, die sich Krupp und Hoesch lieferten und schließlich die Fusion der Stahlgiganten Thyssen und Krupp in 1999. Seitdem firmiert das westfälische Unternehmen unter dem Namen ThyssenKrupp Bilstein.

Mit Übernahme der Funktion des Produktlinien-Leiters im Jahr 2000, beendete Dieter Fraune seine Betriebsratstätigkeit. „Möglicherweise hätte dies zu Interessenkonflikten geführt“, schätzte er damals ein. Dazu wollte er es nicht kommen lassen und legte sein Betriebsratsmandat nieder. Zwei Jahre später verschlimmerten sich seine Probleme mit dem Gehör. Nach einer längeren Krankheit wechselte er als Produktionsplaner in die Abteilung „Kunden-Sonderwünsche“.

Mitte 2000 stand die Umsetzung des neuen era.Entgeltrahmenabkommen auf der Tagesordnung des Betriebsrates. Für den amtierenden BR-Vorsitzenden Bernd Tigges Anlass beim ihm anzufragen, ob er bereit wäre das Projekt für den Betriebsrat zu leiten. Er wollte. „Es war interessant und spannend sich mit den betrieblichen Abläufen, den Aufgabenbeschreibungen, aber auch mit den Beurteilungen der Kolleginnen durch die Vorgesetzten auseinanderzusetzen“, schildert Dieter die Einführung von era. Bei TKB 2006 wählten ihn die KollegInnen wieder ins Betriebsratsgremium. Er übernahm den Vorsitz, wurde Mitglied des Aufsichtsrates der Unternehmensgruppe. In der IG Metall-Verwaltungsstelle Gevelsberg-Hattingen vertrat er seine KollegInnen in der Delegiertenversammlung und im Ortsvorstand.

Dieter hatte 42 Jahre „Bilstein“-Zugehörigkeit auf dem Buckel, als ihn die Betriebsratsmitglieder und IG Metall-Vertrauensleute 2010 in die Altersteilzeit verabschiedeten. Er konnte beruhigt gehen, denn zuvor war es ihm und seinen KollegInnen mit Unterstützung der IG Metall gelungen, die von der Geschäftsführung geplanten „betriebsbedingten Kündigungen“ abzuschmettern.

 

Fraune_Tarifrunde 2015

 

Befragt, was er denn jetzt so mache, wird aus seinen Antworten schnell klar, dass es dem Ruheständler alles andere, aber nicht langweilig ist. Im Gegenteil: Nicht nur, dass Dieter sich nach wie vor in der Delegiertenversammlung engagiert, der er mit kurzer Unterbrechung seit den 80-Jahren angehört, arbeitet er auch im Senioren-Arbeitskreis seiner Gewerkschaft mit. Darüber hinaus bringt er sich aktiv in die Vorstandsarbeit und die Aktivitäten des Sozialverbandes VDK in Ennepetal ein. Ein besonderes Anliegen ist es ihm, seine eigenen Erfahrungen mit der Schwerhörigkeit und deren erfolgreichen Bekämpfung an Betroffene weiter zu vermitteln. Dazu half er mit, die CI- (Cochlea-Implantat) – Selbsthilfegruppe „Die Hörschnecken“ in Hagen und Umgebung zugründen.

Trotz all dieser sozialen Aktivitäten nehmen sich Dieter und seine Frau Karin genügend Zeit, um ihre gemeinsamen Hobbys zu pflegen. Da sind beispielsweise lange Radtouren in der Umgebung, aber auch schon mal von der Quelle der Ruhr, im Nordosten des Rothaargebirges, im Hochsauerland, bis zur Einmündung in den Rhein bei Duisburg. Und natürlich genießen sie die „Young-Timer-Ralleys“ an denen sie mit ihrem Liebhaberfahrzeug „BMW E 30“ teilnehmen. Nein, langweilig wird’s den Beiden sicherlich nicht.

 

Foto 1: Dieter Fraune (l.) bei seiner Verabschiedung mit Otto König und seinem ehemaligen Stellvertreter Peter Pangerl
Foto 2: Dieter Fraune (1. Reihe Mitte) auf dem Vendomerplatz während der Metall-Tarifrunde 2015
Fotos: IGM GH-Archiv

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