Wir können was bewegen, wenn wir es wollen!

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Sprockhövel: Betriebsversammlung Avery Dennison CE

In einer Mail an die “lieben Mitarbeiter” bejubelte der Vorsitzende der Avery Dennison Corporation, Dean A. Scarborough, die hervorragenden Ergebnisse der Gruppe im 1. Quartal 2015. „Und das nur wenige Stunden nach dem uns mitgeteilt wurde, dass unser Standort ausradiert wird und unsere Arbeitsplätze vernichtet werden“, empörte sich der stellv. Betriebsratsvorsitzende Dirk Kolwe. Der Hinweis, dass Scarborough eine 6-protzentige Ausschüttung für die Aktionäre ankündigte, ging im höhnischen Gelächter der Beschäftigten unter.

Die ArbeitnehmerInnen von Avery Dennison hatten sich zahlreich zur Betriebsversammlung im IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel eingefunden, in der Hoffnung, dass sie hier mehr über die „Strategische Planung“ des Konzerns erfahren würden. Was sie jedoch tatsächlich erfuhren war die „Hilfslosigkeit“ eines Geschäftsführers. Jeremy Bauer verkündete ernsthaft, dass er und die weiteren Verantwortlichen ebenso von der Konzern-Entscheidung überrascht wurden. Er unterstrich das mit der Aussage: „Bei dieser Entscheidung geht es nicht um schwarze oder rote Zahlen am Standort Sprockhövel.“ Pasadena habe entschieden, das Ticketing gehe nach Rumänien, das Musterzentrum in die Türkei und das Web-Design nach London.

Die Rollen in der Betriebsversammlung waren klar verteilt: Im Saal die qualifizierten Beschäftigten – Frauen und Männer, die eine Berufsehre besitzen, ja stolz sind, auf die Qualität ihrer Produkte, die sie liefern. Die sich selbst in dieser für sie „bescheidenen“ Situation noch Gedanken machen, dass ihre Arbeit künftig durch „schlechte Qualität“ und „mieser Liefer-Perfomance“ herabgewürdigt wird und dem Konzern dadurch Schaden entsteht. Da sind die Kundenbetreuerinnen, die durch ihren unermüdlichen Einsatz alles unternehmen, damit Kunden nicht abspringen.

Dagegen hinter dem Rednerpult ein angezählter Geschäftsführer, dem nichts anderes einfällt als zu sagen: „Die in Kalifornien sind nun mal der Auffassung, dass die Verlagerungen nicht zu Problemen führen werden“ und hinterherschiebt: „Es mag ja sein, dass man vielleicht in drei Jahren einsieht, dass die Entscheidung falsch war.“ Spätestens jetzt ist förmlich im Saal zu spüren, dass viele Kollegen am liebsten platzen, ja schreien würden.

Denn all‘ dieses Geschwafel hörten sie nicht zum ersten Mal. Immer wieder hatten die amtierenden Geschäftsführer bzw. die willigen „Konzern“-Vollstrecker eine kurze Halbwertzeit, wurden ausgetauscht oder fielen die Treppe höher, während die Zahl der Beschäftigten halbiert, dann gedrittelt wurden. Kompetente Hinweise aus den Reihen der Belegschaft wurden immer wieder ignoriert, obwohl sie sich jedes Mal als richtig erwiesen. Zynisch fragte ein Betroffener: „Sind wir denn in einem Scientology-Konzern beschäftigt, in dem wir nicht mehr an die Ober-Gurus rankommen?“

Als ein Kollege, der schon den Kampf gegen die Stilllegung der Hattinger Henrichshütte miterlebt hatte, es mit seinem Beitrag auf den Punkt brachte, worum es den Versammelten geht, herrschte Stille und Betroffenheit im Raum: „Wir wollen doch nur arbeiten, unsere Existenz sichern – für unsere Familien und unsere Kinder!“ Das ist eine der Hauptfragen, die alle im Bildungszentrum und in den kommenden Wochen umtreibt – die alleinerziehende Mutter, die älteren KollegInnen, die wissen, wie schwierig es für sie auf dem Arbeitsmarkt wird, die Auszubildenden, die ihre Zukunft gefährdet sehen.

Dennoch aus vielen Beiträgen war rauzuhören: Einfach werden wir es den Konzern-Verantwortlichen nicht machen: Sie werden gemeinsam mit ihrem Betriebsrat und der IG Metall für ihre Rechte streiten. Und als einer die Betriebsratsmitglieder fragte: „Was könnt ihr für uns tun? Kam zu Recht die Antwort: „Nicht wir für euch, sondern wir alle zusammen sind stark und können was bewegen, wenn wir es wollen!“

Foto: Betriebsversammlung von Avery Dennison im Bildungszentrum Sprockhövel
Foto: IGM-GH

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